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Regen über Deutschland

© Susann Staedte/photocase.com

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Als ich mich gestern gegen Mitternacht auf den Heimweg machte, wähnte ich mich in einem schlechten Film mit kitschigem Drehbuch: Gesenkten Kopfes schlichen meine Freunde und ich über die Straßen, die Einsatzwagen der Polizei säumten den Weg, der im Falle eines deutschen Sieges von einer jubelnden Menschentraube hätte bevölkert sein sollen, und der Regen prasselte auf uns nieder. Wieder eine Niederlage, wieder kein Turnier-Titel, wieder diese Enttäuschung.

Natürlich taucht am Tag danach die Frage nach dem Warum auf, beginnt die Ursachenforschung für das abermalige Scheitern kurz vor dem Ziel. Dass das gestrige Spiel aufgrund einer fehlerhaften Taktik, unterdurchschnittlicher Tagesform einzelner Akteure und gegen einen in entscheidenden Situationen überlegenen Gegner verloren wurde, ist jetzt, ein paar Stunden nach Schlusspfiff, allgemeiner Konsens. Löws taktische Maßnahme verfehlte nicht nur ihren erhofften Zweck, sondern kehrte sich gar ins Negative um, verunsicherte die Mannschaft und beraubte sie eines Teils ihrer Stärken. Die Personalentscheidungen waren glücklos, erfahrene Führungsspieler erwischten einen schlechten Tag. Das sollte freilich nicht in der entscheidenden Phase eines Turniers passieren – doch man muss sich eingestehen: es kann passieren. Fußballer wie Schweinsteiger, Lahm oder Podolski sind trotz aller Erfahrung, trotz aller mentalen Stärke nicht davor gefeit, im entscheidenden Moment zu versagen. Das klingt möglicherweise harscher, als es gemeint ist. Doch nur deswegen, weil auch ich als Blogger gerade bei dem Versuch versage, die Floskel: „Die Spieler sind keine Maschinen“ zu umschiffen. Manchmal haben Spieler schwere Beine und Blogger schwere Köpfe.

Auch Joachim Löw, der bislang stets als über den Dingen schwebender Taktikfuchs und Wechselkönig gepriesen wurde, machte uns gestern Abend nur mal wieder bewusst, dass Unfehlbarkeit eine Utopie – mehr noch – Idiotie ist, die höchstens noch in der katholischen Kirche als erreichbar gilt. Löw ist ein toller Trainer, der jedoch auch hin und wieder Fehler macht. Seine gestrige Fehleinschätzung kam zur Unzeit, keine Frage, doch wann kamen Fehler jemals günstig?

So zeigt sich, dass die gestrige Niederlage keine strukturellen Defizite aufdecken konnte, weil es keine gibt. Der Kader ist jung, talentiert, willig, hungrig und verfügt über großes Zukunftspotential. Ein Umbruch nach der EM ist nicht nötig und wird daher auch nicht kommen.
Viele werden jetzt den Kopf schütteln: „Ich kann es nicht mehr hören!“ Zukunftsversprechen machen ja letztlich nur dann Sinn, wenn sie auch irgendwann mal eingelöst werden. Deswegen suchen heute alle trotzig nach dem einen, nach dem entscheidenden Grund, der uns nun schon zum vierten Mal hintereinander in der letzten Phase eines Turniers hat scheitern lassen. Kein Wunder, schließlich lässt sich eine Niederlagenserie (bezogen auf die Turniere 2006-2012) leichter verdauen, wenn sie erklärbar ist; schließlich wächst der Optimismus für das nächste Turnier aus dem Glauben, man habe endlich jene Stellschraube gefunden, an der gedreht werden muss, damit der langersehnte Titel endlich kommt.

Doch was steht am Ende der Suche? Die Erkenntnis, dass die Italiener uns überlegen waren, weil sie alle inbrünstig die Nationalhymne singen? Weil im Mittelfeld der anständig erzogene Schweinsteiger spielt statt eines flegehaften Egozentrikers wie Basler? Weil mit Khedira ein Spieler mit Stil und guten Manieren den Ton angibt statt eines vorlauten Prolls wie Effenberg? Verlieren wir deshalb immer, weil den Spielern die vielbeschworene Gier fehlt, der absolute Siegeswille? Das heißt also im Umkehrschluss, dass Spieler wie Podolski oder Hummels in einem Halbfinale auf den Platz schlendern, an den Pokal denken und sich sagen „Kommste heut‘ nicht, kommste morgen!“? (Erklärungen, die in dieser oder ähnlicher Form heute zigfach in Foren und Kommentarfeldern im Internet geäußert wurden!)

Dabei ist die Sache so viel einfacher: Es gibt keinen Grund! Jede Niederlage, angefangen im Halbfinale 2006 bis hin zur gestrigen Enttäuschung hatte ihre eigenen, abgeschlossenen, isolierten Gründe. Vergleichbar sind sie nicht, verallgemeinern lassen sie sich nicht, über einen Kamm scheren sollte man sie nicht. Uns hat gestern der Leader gefehlt? Ballack konnte sowohl 2006 als auch 2008 eine Niederlage nicht verhindern. Wir haben gestern verloren, weil man sich als Trainer nie am Spiel der Gegner orientieren sollte? 2008 und 2010 war man auch deswegen gegen Spanien heillos unterlegen, weil man dem Irrglauben aufgesessen war, man könne gegen die Iberer einfach das eigene Spiel durchziehen. Dem Team fehlt der Siegeswille? Trotzdem gelangen in den letzten Turnieren Siege gegen Argentinien, England, Holland, Portugal und andere große Fußballnationen.

Die Erkenntnis mag keinen Trost bringen, und trotzdem bin ich davon überzeugt, dass man für den Turniererfolg einfach eine ganze Menge Glück braucht. Erfolg ist nicht planbar, schon gar nicht im Fußball. In anderen Sportarten wie Basketball oder Handball setzt sich das bessere Team im Laufe eines Spiels immer durch. Der Fußball hingegen lebt gerade von der Faszination, dass dieses sportliche Naturgesetz außer Kraft gesetzt wird. Niederlagen wie die der Bayern im Champions League-Finale gegen Chelsea sind letztlich nur der Beweis, dass die Sportart auch weiterhin funktioniert und stets Überraschungen bereithält.

Doch das Glück ist nicht nur im einzelnen Spiel nötig – zwar hätte ein frühes Eigentor der Italiener das gestrige Spiel sicher maßgeblich beeinflusst, doch bin ich weit davon entfernt zu behaupten, die deutsche Elf sei gestern das stärkere Team gewesen. Auch die Niederlagen 2006, 2008 und 2010 lassen sich nicht nur auf fehlendes Glück reduzieren. Man braucht die Gunst des Zufalls, das gütige Schicksal und die göttliche Fügung auch im Laufe eines ganzen Turniers. Das beginnt bei der glücklichen Auswahl des Ortes zur Vorbereitung („Der Geist von Malente“), geht über die Charaktereigenschaften einzelner Spielerfrauen (Bianca Illgner) bis hin zum glücklichen (Ballack 2010) oder unglücklichen (Frings 2006) Ausfall eines Spielers. Der Erfolg bei einem Turnier wird von derart vielen Faktoren beeinflusst, dass die Konstellation einfach optimal sein muss, um sich am Ende gegen alle anderen durchzusetzen.

Sind wir also geduldig und warten, bis auch das deutsche Team irgendwann in naher oder ferner Zukunft vom Schicksal begünstigt wird. Gleichzeitig rufen wir den Spaniern zu: „Genießt es, solange Ihr noch könnt.“ Möglicherweise schleichen schon in zwei Jahren zahlreiche Fans in Madrid und Barcelona gesenkten Kopfes über einsame Straßen von der Kneipe nach Hause, während der Regen auf sie niederprasselt…und während in Deutschland wieder die Sonne scheint!

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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