Home
RSS Feed

Defätismus, Körperlosigkeit und Flexibilität – Das EM-Fazit

© mys/photocase.com

© mys/photocase.com

Dank des FC Bayern hat sich das Sommerloch, in das wir alle nach dem Ende der Europameisterschaft zu fallen drohten, rasch wieder geschlossen. Motzki Sammer wird in der nächsten Saison an der Seite des streitbaren Uli Hoeneß und des chronisch mürrischen Karl-Heinz Rummenigge für ein Feuerwerk der guten Laune beim deutschen Rekordmeister sorgen.

Doch so rasch nach Abpfiff des EM-Finales hierzulande zum Fußball-Alltag übergegangen wurde, so wenig fand sich in der medialen Nachberichterstattung ein vernünftiges Fazit des kontinentalen Turniers – zumindest eines, das über die Schelte für Löw, den Abgesang auf Podolski oder die völlig überflüssige Nationalhymnendebatte hinausging.

Eine Lücke, die wir hiermit zu schließen versuchen, indem wir allgemeinen Trends und möglicherweise zukunftsweisenden Veränderungen im Fußball nachspüren und sie beleuchten wollen.

Die Dominanz des Favoriten

Wie selten zuvor bei einem Turnier zeigte sich bei der EURO 2012, dass die im Vorfeld einer Partie als stärker eingeschätzte Mannschaft auch auf dem Platz den Gegner zu dominieren wusste. In sämtlichen Viertelfinalbegegnungen setzte sich der Favorit klar durch (das “klar” streichen wir nur vor dem Hintergrund des Elfmeterschießens der Engländer gegen Italien; legt man aber die dominanten 120 Minuten der Italiener und die Tatsache zugrunde, dass sich ausgerechnet England ins Elfmeterschießen “retten” wollte, darf man getrost auch der nachfolgenden Argumentation folgen!). Bereits in der Gruppenphase hatte es bis auf ganz wenige Ausnahmen keinerlei Überraschungen gegeben: Die tapferen Griechen sorgten mit ihrem unerwarteten und letztlich unverdienten Sieg gegen die Sbornaja sicherlich für den größten Coup des Turniers. Schweden rang im letzten unbedeutenden Gruppenspiel eine lustlose Equipe Tricolore nieder, Italien trotze dem späteren Europameister Spanien ein Unentschieden ab, und Dänemark zeigte Holland schon in der ersten Partie der Gruppe B, dass sie bei diesem Turnier eine untergeordnete Rolle spielen würden. Ansonsten ließ sich bei eindeutiger David-Goliath-Rollenverteilung vor einem Spiel mit dem Tipp auf den Außenseiter keinen müden Cent verdienen.

Der Hang zum Defätismus

Damit verbunden konnte man beobachten, dass sich schwächere Mannschaften wie selten zuvor ihrer Unterlegenheit fügten und die Favoriten wenn, dann überhaupt nur punktuell in Verlegenheit bringen konnten. Ein Phänomen, das sich im Ligabetrieb, beispielsweise in der Bundesliga, häufiger zeigt und auch in der Gruppenphase eines Turniers nicht außergewöhnlich ist. Schwächere Teams finden sich eher mit der Rolle des Underdogs ab, wenn sie die Möglichkeit haben, in einer nachfolgenden Partie die erlittene Niederlage wieder auszugleichen. Ein Hang zu Defätismus, wie man ihn in KO-Runden hingegen kaum finden kann. Nicht umsonst kennt der Fußballfan hierzulande das Sprichwort: „Der Pokal hat seine eigenen Gesetze.“

Neu war bei der EM jedoch die offensichtliche Ohnmacht von Teams wie Dänemark, Frankreich, Tschechien oder England, die in entscheidenden Spielen und mit dem Turnieraus vor Augen keinerlei Aufbäumen zeigten. Dänemark, das im letzten Gruppenspiel gegen Deutschland zwar vereinzelt gute Chancen herausspielte, löste seine defensive Grundordnung auch nach dem deutschen Führungstreffer zum 2:1 nicht auf – von einem letzten „Hurra“, von einer „Wir werfen alles nach vorne“-Attitüde fehlte jegliche Spur. Ähnlich zeigten es die Franzosen, die Tschechen oder die Engländer im Viertelfinale. Wo früher eingedenk britischer „Kick-and-Rush“-Tradition lange Bälle nach vorne geschlagen wurden, wo der Torhüter kurz vor Ende einer Partie in den gegnerischen Strafraum sprintete, wo lange Abwehrspieler nur noch vor des Gegners Tor herumsprangen, um doch noch den „Lucky Punch“ zu setzen, sah man bei der EURO 2012 weitgehend lediglich das matte Eingeständnis der eigenen Niederlage und das Phlegma angesichts der Unabwendbarkeit des eigenen Ausscheidens. Die deutsche Mannschaft bildete im Halbfinale gegen Italien mit Manuel Neuer an der Mittellinie die rühmliche Ausnahme.

Auch sonst vermochten es Teams, die während eines Spiels in Rückstand gerieten, nie, die Partie noch zu ihren Gunsten zu drehen. Einzig Schweden gegen England geriet zum offenen Schlagabtausch, bei dem die Führung zweimal wechselte.

Das körperlose Spiel

Mehr denn je zeigte sich bei der EURO 2012 der schon seit langem von Trainern wie Joachim Löw oder Jürgen Klopp propagierte Trend, unnötige Fouls zu vermeiden und den Gegner fair vom Ball zu trennen. So sollen einerseits gefährliche Standardsituationen für den Gegner vermieden und andererseits durch faire Balleroberung und schnelles Umschalten in den Angriff das Spiel beschleunigt werden. Eine einzige rote Karte, zwei gelb-rote und nur 119 gelbe Karten im Turnier bedeuten den bislang niedrigsten Wert bei einer EM mit 16 Mannschaften (2000: 4/5/122; 2004: 1/5/150; 2008: 3/0/122). Auch Deutschlands Ausscheiden im Halbfinale mit nur einer gelben Karte in der Nachspielzeit wurde im Nachhinein zwar von Vertretern vergangener Fußballergenerationen harsch kritisiert, war letztlich jedoch nur die Konsequenz aus entsprechender jahrelanger Schulung. Auch in anderen Nationen zeigte sich während des Turniers, dass Spieler auf höchstem Niveau das Dogma der Körperlosigkeit längst verinnerlicht haben. Pepe, der scheinbar so beinharte Verteidiger von Portugal und Real Madrid, beging lediglich zwei Fouls – im gesamten Turnier.

Die taktische Flexibilität

Schien noch bei den vergangenen Großturnieren das Spielsystem 4-2-3-1 wie in Stein gemeißelt, so darf die EURO 2012 als zaghafter Beginn eines Paradigmenwechsels gelten. Zwar ist das 4-2-3-1 weiterhin die bevorzugte taktische Aufstellung der meisten Teams, zwar wird weiterhin meist nur ein einziger Stürmer aufs Feld geschickt und zwar gilt die Doppelsechs nach wie vor als unbestrittener Stabilitätsfaktor für die eigene Aufstellung – doch gerade die beiden Finalisten haben gezeigt, dass der natürliche Weiterentwicklungsprozess im Fußball kontinuierlich voranschreitet. Geltende Normen fordern Reaktionen heraus; etablierte Systeme kontert man am besten durch Innovation. Italien suchte sein Glück phasenweise im Rückgriff auf Altbewährtes und zeigte sich erfolgreich im 4-4-2-System. Einzig gegen Spanien überraschte die Squadra Azzura mit einem 3-5-2, das sich während der Partie flexibel zu einem 5-3-2 wandelte.

Spanien hingegen spielte zeitweise ohne echten nominellen Stürmer, so gesehen im 4-6-0-System. Natürlich bekleidete einer der offensiven Mittelfeldspieler immer mal wieder die zentrale Stürmerposition, doch herrschte durch ständiges Rochieren und ohne die Zementierung der Positionen ein stetes Gewusel rund um des Gegners Strafräume.

Auch Joachim Löw ging im Halbfinale gegen Italien das Risiko einer Modifizierung der eigenen Taktik ein; ein Risiko, das sich nicht auszahlen sollte. Das auf dem Papier fortbestehende 4-2-3-1-System wurde auf dem Spielfeld faktisch als 4-2-4-1-System ausgelegt. Das hatte zur Folge, dass sich die deutschen offensiven Mittelfeldspieler im Zentrum auf den Füßen standen, der rechte Flügel jedoch weitgehend verwaist blieb.

Ausblick

Der stetige Veränderungsprozess im Fußball mag angesichts fehlender Sprünge in Bereichen wie Athletik, Trainingslehre oder Taktik zwar fast unbemerkt und langsam vonstattengehen, doch ist er auch aktuell in vollem Gange. Die spanische Dominanz, die auf annähernd perfektioniertem Kurzpassspiel, auf Ballbesitz und –kontrolle fußt, ist der Maßstab, nach dem sich alle anderen Nationen ausrichten. Galt bislang eine Kopie dieses Spielstils als erstrebenswerter Idealzustand, zeigt die EURO 2012, dass nun zarte Ansätze von Alternativen zu wachsen begonnen haben. Taktische Gegenentwürfe werden, zwar noch vorsichtig und mit vielen bewährten Elementen, angedacht und umgesetzt.

Ein Blick in die Zukunft könnte daher möglicherweise zeigen, dass in ein paar Jahren Mannschaften mit großer taktischer Flexibilität, nicht nur innerhalb eines Turniers, sondern sogar innerhalb eines Spiels, die größten Gewinnchancen haben werden. Italien hat diese Flexibilität im ersten Gruppenspiel gegen Spanien bereits erfolgreich angedeutet. Doch auch Spanien selbst ruht sich nicht auf seinen Lorbeeren aus, sondern versuchte bei der EURO 2012 erstmals, tradierte Rollenverteilungen auf dem Spielfeld über den Haufen zu werfen. Ein Spiel, das ohne echte Sturmspitze auskommt, kann sich flexibel während einer Partie wandeln. Mal stößt ein einzelner Spieler ins Sturmzentrum, mal spielen zwei offensive Mittelfeldspieler Sturmspitze und hängende Spitze, und auch ein 4-4-2 lässt sich so schnell formieren. Das schnelle Changieren zwischen einer Handvoll taktischer Formationen innerhalb der 90 Minuten Spielzeit könnte eine zukunftsweisende Entwicklung im Fußball sein.

Das inzwischen fast schon körperlose Spiel hingegen könnte für weitere Veränderungen sorgen. Wächst die Bedeutung von Standardspezialisten, da ruhende Bälle nunmehr auf ein Mindestmaß reduziert werden? Oder nimmt ihre Bedeutung ab, da kaum noch Freistöße in 90 Minuten herausspringen? Wird es gar zu einer Renaissance der Blutgrätsche kommen, da „Ballkünstler“, des ruppigen Spiels entwöhnt, durch die Manifestation der Körperlichkeit wieder leichter zu beeindrucken sind?

Die EURO 2012 verlief für die deutsche Nationalmannschaft durchschnittlich bis enttäuschend. Die Qualität der Spiele war mittelmäßig, die Spannung blieb deutlich hinter den Erwartungen zurück. Dennoch ließen sich Ansätze zur interessanten Weiterentwicklung des Fußballs entdecken.

Auch Matthias Sammer wird als aufmerksamer Beobachter die angesprochenen Tendenzen bemerkt haben. Bis er sie jedoch beim FC Bayern auf die Tagesordnung wird setzten können, dürfte noch einige Zeit vergehen. Bis dahin muss er damit leben, dass seine eigene Verpflichtung das Sommerloch erfolgreich stopfen konnte.

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

3 Portionen Senf

Tom  on July 11th, 2012

Alles wunderbar beobachtet, sehr schön. Interessant sind eure Gedanken bezüglich der Zukunft von Standardspezialisten bei abnehmender Foulzahl. Die offensiv limitierten Engländer (und auch Chelsea im CL-Finale) waren dringend darauf angewiesen. Und da blieben noch die Ecken. Deutschland hat ja gegen Italien eindrucksvoll bewiesen, dass es von Vorteil sein könnte, wenn man mal eine von 17 (?) Ecken nutzen könnte.

Hennes  on July 13th, 2012

Du legst den Finger in die Wunde. Wann ist es eigentlich im deutschen Fußball aus der Mode gekommen, Standardvarianten einzustudieren? Die Standards sind zu einer stumpfen Waffe verkommen…bei eigenen Eckbällen droht ja fast mehr Gefahr fürs eigene Tor durch einen gegnerischen Konter als für den Eckenverursacher.

Ich hoffe, dass in dieser Hinsicht mal ein Umdenken stattfindet. Ein schnöder Freistoßtreffer mag der modernen Auffassung von Hochgeschwindigkeitsfußball zwar nicht entsprechen, aber Tor bleibt Tor, und diesbezüglich funktioniert der Fußball unverändert seit mehr als hundert Jahren!

Tom  on July 16th, 2012

Hier ein netter Beitrag aus der Frankfurter Rundschau vom 6. Juni (!). Der Hansi hat´s gewusst: Zitat Flick: „Unser Manko ist, dass wir bei Standards nicht so effektiv sind. In Sachen Standards bin ich mit Jogi nicht immer einer Meinung. Ich denke, wir müssen sie mehr trainieren, müssten mehr Dynamik reinbekommen. Jogi sieht das Ganze und hat andere Schwerpunkte.”
http://www.fr-online.de/em-2012-nationalmannschaft/dfb-nationalmannschaft-vom-wesen-der-standardsituation,16091426,16313208.html

Danke übrigens für die Blogroll-Aufnahme

Gib Deinen Senf dazu!