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Die Angst des Tormanns

© seleneos/photocase

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Torhüter haben es in Deutschland nicht leicht. Namhafte, qualitativ hochveranlagte Schlussmänner wie Florian Fromlowitz, Tobias Sippel, Ralf Fährmann, Timo Hildebrandt oder Michael Rensing kämpfen hierzulande verzweifelt um einen Arbeitsplatz, obwohl sie in anderen Ligen mit Sicherheit wenig Probleme hätten, sich als Nummer 1 eines Vereins zu behaupten.

Auch unsere Nationaltorhüter hatten es am Mittwoch im Testspiel gegen Argentinien nicht leicht. Zwar kämpfen Zieler und Ter Stegen zwar weder um ihren Arbeitsplatz, noch um den Status als Nummer 1, wohl aber um eine Chance, sich als Vertreter Nummer 1 hinter Manuel Neuer zu etablieren. Für Zieler war das Spiel jedoch bereits nach einer knappen halben Stunde beendet, nachdem ein Platzfehler den auf ihn zurollenden Ball derart verlangsamte, dass Zielers Handschuhe statt des Spielgeräts nur die Füße des gegnerischen Stürmers erwischten. Elfmeter, Rot, Zieler raus, Ter Stegen rein.

Jener junge, sehr talentierte Mann hatte bereits in einem Freundschaftsspiel gegen die an sich harmlosen Schweizer über die volle Spiellänge zwischen den Pfosten gestanden und seinerzeit überraschend (und weitgehend schuldlos) fünf Gegentreffer kassiert. Nun betrat Marc-André Ter Stegen also den Platz und sah sich Lionel Messi, dem weltbesten Fußballer gegenüber, der schon am Elfmeterpunkt auf ihn wartete. Das fängt ja prima an, mag er gedacht haben, und tatsächlich – es fing prima an. Ter Stegen hielt den Elfmeter, machte danach einen beherzten und sicheren Eindruck und wurde erst kurz vor dem Pausenpfiff doch noch überwunden – vom eigenen Mannschaftskollegen Khedira. Was folgte, war ein unhaltbares Tor vom eben erwähnten Weltfußballer und ein noch viel unhaltbarerer Schuss von Angél di Maria, der alle überraschte, am meisten sich selbst. War gegen die Schweiz ja doch nicht so schlecht, mag Ter Stegen gedacht haben.

Gesagt hat er nach dem Spiel, das letztlich 1:3 endete, nur einen Satz, den dafür mehrmals: „Es ist, wie es ist!“ Dabei ließ er im Interview, ähnlich wie seine Sturmkollegen zuvor im argentinischen Sechzehnmeterraum, einige Chancen ungenutzt,  und statt schlagfertig, gewitzt und nett zu wirken, wirkte er einfach nur doof. Das hat er aber mit seinem großen Vorbild Oliver Kahn gemein, der sich in der anschließenden Spielanalyse mit Kathrin Müller-Hohenscheid künstlich in Rage redete, als hätte ihm jemand die Bananen aus dem Obstkorb geklaut. Wie schon die gesamte bundesdeutsche Presse nach der verlorenen Halbfinalpartie gegen Italien konnte er dem Reiz nicht widerstehen, aus einer singulären Niederlage weitreichende Schlüsse zu ziehen.

Leider hatte Löw am Montag auf der Pressekonferenz das leidige Nationalhymnenthema für beendet erklärt und damit wahrscheinlich Kahns gesamte Spielvorbereitung zunichte gemacht. Was hätte man sich sonst wieder gar wunderbar über die schweigenden Tenöre in Stutzen echauffieren können. Auch Kahns Lieblingsthema mit dem Titel „Mehr Leitwölfe braucht das Land!“ war von Löw auf der PK mit einem müden Lächeln als „Erledigt“ gekennzeichnet worden und zwar in bester Beamtenmanier: Ab in den Papierkorb damit! So sah sich Kahn scheinbar all seiner vermeintlichen Stärken beraubt und suchten den verzweifelten Angriff: Also musste eine kuriose Niederlage im Freundschaftskick gegen ein fußballerisches Schwergewicht wie Argentinien, mit einer unglücklichen roten Karte, mit einem unglücklichen Eigentor, mit einem unfassbaren Sonntagsschuss, mit vielen tollen spielerischen Kombinationen der deutschen Elf, kurzum: eine Niederlage, wie sie immer mal wieder vorkommen kann, zu einem Ausdruck für die generelle Instabilität und Schwäche der Nationalmannschaft umgedeutet werden.

Kahn monierte die zahlreichen Torchancen Argentiniens, die in Wahrheit an einer Hand abzuzählen waren (schließlich entstanden die drei Tore aus lediglich einer echten Chance) und fand deutliche Worte für die deutsche Abwehrschwäche und Instabilität, die sich nicht erst seit gestern beobachten lasse. Längst vergessen die starke Defensivleistung gegen die  Niederlande, verdrängt die stabile Abwehrarbeit im EM-Auftaktspiel gegen gefährliche Portugiesen, die erst im Laufe des Turniers zeigen sollten, wie stark sie wirklich sind. Ein einziges schwaches Spiel gegen Italien genügt einem „Experten“ wie Oliver Kahn, um die Arbeit und das Konzept des Trainerteams in Frage zu stellen und sich nach einem antiquierten Rumpelfußball zurückzusehnen, der uns im Übrigen in der Vergangenheit genauso wenige Titel eingebracht hat wie der aktuelle offensive Stil.

Die Spieler, so Kahn, müssten sich nach solch einer Niederlage mehr ärgern, grimmiger sein, vor Wut schnauben und dabei blickte er so verkniffen in die Kamera, dass sich leicht erahnen ließ, was Kahns liebste Hobbies sind: ärgern, grimmig sein, vor Wut schnauben. Als sich der zugeschaltete Teammanager Oliver Bierhoff zu der pointierten Replik hinreißen ließ, Kahn habe nach dem verlorenen WM-Finale 2002 auch nicht geschnaubt, sondern lediglich zusammengesunken am Pfosten gelehnt, zog sich Kahn empört und pikiert zurück: „Ist das das Niveau, auf dem wir diskutieren?!“ Dabei mag er gedacht haben, was wir schon längst wissen: Torhüter haben es in Deutschland nicht leicht!

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

2 Portionen Senf

Pohli  on August 18th, 2012

“…was wir schon längst wissen: Torhüter haben es in Deutschland nicht leicht!”

Und schon gar nicht, wenn sie eine eigene Meinung haben und keine Ja-Sager und Abnicker sind. Mir soll mal jemand erklären, wo und wie ein ter Stegen oder Zieler besser ist als Wiese. Hübsche Frisuren haben alle drei…

Man kann von Wieses Art halten was man will, leistungstechnisch ist er in meinen Augen höher einzustufen als die Jungspunde. Zudem ist seine (internationale) Erfahrung viel Wert. Teamplayer ist er wohl auch, sonst würde Babbel ihn bei scheiß Ho$$enheim nicht zum Käpt’n ernennen.

Tja, Wiese ist lediglich zu unbequem für den soften DFB und eben Löw. Ist ja nicht das erste Beispiel…

Warum ein Ulreich jedoch keine Beachtung findet, ist mir noch ein Rätsel. Wo er doch sogar ein Schwabe ist…

Hennes  on August 23rd, 2012

Habe gerade nachgeschaut und entdeckt, dass Du den Kommentar am 18. August um 15:28 Uhr abgegeben hast. Ob Dein Plädoyer für Wiese eineinhalb Stunden später auch noch so flammend ausgefallen wäre, sei mal dahingestellt ;-)

Ich habe ehrlicherweise nie verstanden, warum Wiese im Kreis der Nationalelf überhaupt aufgetaucht ist. Er ist ein guter Torhüter, mehr nicht. Auf der Linie stark, in der Strafraumbeherrschung gut, aber oft zu unbeherrscht ;-) und mit dem Ball am Fuß eine Katastrophe…das ergibt für mich einen TopTen-Torwart, aber keinen, der in die Top-3 gehört!

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