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…and the winner is: Sigmar Gabriel

© Arne Müseler

© Arne Müseler

Seit gestern steht nun also fest, wer im nächsten Jahr als SPD-Spitzenkandidat im Wahlkampf gegen Kanzlerin Merkel antreten darf: Peer Steinbrück. Während sich der neue Herausforderer bei seinem ersten öffentlichen Auftritt als designierter Frontkämpfer noch zurückhaltend gab, wurde er in der Partei und auch von der Öffentlichkeit bereits lautstark beklatscht.

Die Republik freut sich auf einen spritzigen Wahlkampf, denn Steinbrück verspricht mit seiner provokativen, aggressiven Art der richtige Herausforderer für die buddahafte Gleichförmigkeit der Kanzlerin zu sein. Angela Merkel ließ sogleich ausrichten, sie habe „überhaupt keine Vorlieben, was ihren Gegenkandidaten betrifft“ und nutzte damit das Privileg der Amtsinhaberin: die Möglichkeit, den Herausforderer mit lässiger Nichtbeachtung zu strafen. Dennoch wird sie sich, die politischen Inhalte mal außen vor gelassen, auf intellektuell fordernde, rhetorisch scharf geführte Debatten einstellen müssen, mit denen ein aggressiver Kanzlerkandidat Steinbrück versuchen wird, die Öffentlichkeit auf seine Seite zu ziehen.

In der SPD trifft die Kür von Steinbrück naturgemäß nicht auf vorbehaltlose Zustimmung; die Parteilinke murrt angesichts des deutlich weiter rechts angesiedelten Kandidaten, der die Agenda 2010 weithin als Meisterwerk feiert. Am lautesten dürfte Parteivorsitzender Sigmar Gabriel applaudieren, selbst bis vorgestern Teil der Troika aus Steinbrück, Steinmeier und ihm selbst, die sich ursprünglich erst zu Beginn des kommenden Jahres auf einen Kandidaten hatte festlegen wollen. Schon bei der vorgezogenen Kür Steinbrücks gerierte sich der Parteivorsitzende als Strippenzieher im Hintergrund – wird Steinbrück das zu erwartende Wahlkampffeuer abbrennen, wird auch Gabriel ein Teil der Wärme zuteil werden.

Viel mehr dürfte ihn aber die strategische Perspektive erfreuen, die sich plötzlich für ihn selbst ergibt. Statt seiner selbst muss sich nun Steinbrück an der Herkulesaufgabe versuchen, eine Kanzlerin abzulösen, die nicht nur auf einer nie dagewesenen Popularitätswelle schwimmt, sondern die sich zudem auf eine außergewöhnlich günstige Konstellation in der Parteienlandschaft stützen kann. Neben CDU/CSU, der SPD und den Grünen könnte es dazu kommen, dass mit der Linken, der FDP und den Piraten gleich drei Kleinparteien den Einzug in den Bundestag schaffen. Es bedarf keiner hellseherischen Fähigkeiten, um zu prognostizieren, dass vor allem die Stimmen der Piraten und der Linken am Ende der SPD fehlen könnten. Die Regierungsbildung durch eine rot-grüne Koalition, das ausdrückliche Ziel Steinbrücks, erscheint vor diesem Hintergrund annähernd utopisch. Einzig die große Koalition erscheint als realistische Alternative für eine Regierungsbeteiligung der SPD. Doch Steinbrück selbst hat bereits im Vorfeld angekündigt, dass er unter einer Kanzlerin Merkel nicht für eine Aufgabe im Kabinett in Frage kommen wird.

Für Gabriel bedeutet diese Konstellation folgendes: Er vermeidet, durch ein schlechtes Wahlergebnis selbst politisch beschädigt zu werden. Während Steinbrück alles auf eine Karte setzen kann und sich ohnehin, sollte ihm die Sensation nicht gelingen, mit einem Rückzug aus dem politischen Alltag angefreundet hat, wäre ein Kanzlerkandidat Gabriel im Falle einer klaren Niederlage nicht umhin gekommen, auch den Parteivorsitz zur Disposition zu stellen. Fällt das Wahlergebnis positiv aus, ohne selbst den Regierungschef stellen zu können, kann Gabriel eines der wichtigen Ministerien übernehmen, Vize-Kanzler werden und sich in vier Jahren Regierungsarbeit profilieren. Bis er dann bei der übernächsten Wahl, nach vier weiteren Jahren mit Merkel als Kanzlerin, wenn die Deutschen Angelas Lächeln längst überdrüssig sind und nach einer politischen Havarie der Piraten, die Gunst der Stunde nutzen kann, um die SPD als aussichtsreicher Kanzlerkandidat in den Wahlkampf 2017 zu führen.

Allerdings sind es bis dahin noch fünf Jahre, eine kleine Ewigkeit im politischen Geschäft – was bis dahin noch alles passieren wird, kann selbst Sigmar Gabriel nicht weissagen.

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