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J’accuse…!

© jana-milena/photocase

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In diesem Blog war es in den letzten Wochen ziemlich ruhig. Nur noch unregelmäßig und sporadisch erschienen Artikel, die jedoch das Herzblut der Anfangstage von Stadionwurst vermissen ließen. Man ahnt es an den einführenden Zeilen bereits – nach knapp drei Jahren bin auch ich in der Sinnkrise angelangt, die den gemeinen Blogger als ständiger Schatten begleitet, mal nur schwach im Hintergrund lauernd, mal ringsum alles bis zur Unkenntlichkeit verdunkelnd.

Doch anders als in den meistens Fällen ist diese Sinnkrise nicht nur hausgemacht. Zwar würde ich lügen, wenn ich behaupte, die stagnierend schwachen Zugriffszahlen, die gegen Null tendierende Resonanz und die fast verschwindend geringe Beteiligung beim Kommentieren würde spurlos an mir vorrübergehen. Ich gebe zu, dass das Gefühl, beständig unbemerkt in die unendliche Leere des virtuellen Raums hineinzuschreiben, an meinem Selbstverständnis als Blogger nagt und mir die Lust an der Arbeit (die die Pflege eines Blogs ja zwangsläufig mit sich bringt) ab und an verleidet.

Dennoch gibt es derzeit einen gewichtigeren Grund, der mich buchstäblich sprachlos macht und mir die Schaffenskrise quasi in die Feder diktiert (die damit paradoxerweise trocken bleibt):
Ich habe mich emotional vom Fußball entfernt!
Keine Frage, der Sport, also das Spiel an sich, hat nichts von seinem Reiz eingebüßt. Nach wie vor bleibe ich bei jeder unbedeutenden Zweitligapartie am Montagabend auf Sport1 hängen, schaue mir Spielzusammenfassungen der Dritten Liga an, habe ein eigenes Team beim Kicker-Managerspiel und tippe die aktuelle Bundesligasaison mit ungebrochenem Eifer. Doch die Begleiterscheinungen, die der Fußball aktuell als Schlepptau hinter sich her zieht, stoßen mich mehr ab, als ich mir das hätte erträumen lassen.

Mehr denn je sehe ich mich als Beobachter der Szene mit Fanausschreitungen, Gewalt, unseriöser Berichterstattung und Absurditäten konfrontiert, die mir die Lust am Beobachten nehmen. Ohne gesunden Menschenverstand wird der Fußball derart emotionalisiert und mit unsachgemäßer Bedeutung überfrachtet, dass ich mich intuitiv als Gegenreaktion vom Geschehen abwende und mich der Gleichgültigkeit hingebe.

Die Ereignisse, die mich zu dieser Erkenntnis gebracht haben, waren zahlreich und vielfältig. Am letzten Spieltag der vergangenen Saison beispielsweise wurde ich als Zuschauer im Rhein-Energie-Stadion in Köln Zeuge vom Abstieg des FC und den Abgründen der Fanseele. Eine gigantische Rauchbombe vernebelte kurz vor dem Abpfiff die Südtribüne und aufgebrachte Krawallmacher enterten den Rasen. Was folgte, war eine abstruse Choreographie von Polizei und Ordnern, die als menschliche Perlenketten aufgereiht zu fröhlicher Karnevalsmusik aus den Lautsprechern das Spielfeld sicherten. So viel Aufwand für ein profanes Fußballspiel!

Wenige Tage danach stürmte eine ungezügelte Menschenmenge den Rasen in Düsseldorf, um den Aufstieg der Fortuna zu feiern. Erwachsene Männer und Frauen ließen sämtliche Hemmungen fallen, ließen Regeln, Ge- und Verbote im Getümmel hinter sich, zerrten die eigenen Kinder mit in die Menge und klauten am Ende gar den Elfmeterpunkt. So viel Chaos bei einem profanen Fußballspiel!

Bei der anschließenden Europameisterschaft war mein persönlicher Entfremdungsprozess bereits in vollem Gange. Befeuert wurde er beim Public Viewing des Halbfinales Deutschland gegen Italien in einer Kneipe, bei der ein mir ein in Jahren und Trikotfarbe nicht unähnlicher Fan ein paar Meter entfernt den auf der Leinwand in Erscheinung tretenden italienischen Spieler lautstark als „Dummen Hurensohn“ beschimpfte. So viel Hass bei einem profanen Fußballspiel!

Die Berichterstattung in der Folge des deutschen Ausscheidens drehte mir den Magen um. Dass sich die Springer-Propaganda zu einer ausladenden Debatte um die gesangliche Interpretation der Nationalhymne hinreißen und dabei den willkommenen Nebeneffekt, der multikulturellen Ausgestaltung des Nationalteams einen kräftigen nationalistischen Hieb von rechts zu verpassen, nicht ungenutzt verstreichen ließ, mag im Rückblick nicht überraschen. Erschreckender war da schon der Blick in Internetforen und Kommentarfelder, der bewies, dass Propaganda nur dann funktioniert, wenn am Ende die wohlfeile Dummheit als dankbarer Empfänger wartet. Tausendfach wurde nachgeplappert, was keines Wortes hätte wert sein dürfen.

Zudem traf mich die in meinen Augen völlig fehlgeleitete Berichterstattung der seriösen Blätter, die es sich ihrerseits nicht nehmen ließen, die erste Niederlage nach 15 siegreichen Spielen in Folge nicht als singuläre Niederlage zu begreifen, sondern als letztes Teil im Puzzle des großen Scheiterns zu deuten. War Löw Tage zuvor noch der Heilsbringer des deutschen Fußballs, war er nach dem Halbfinalaus plötzlich der notorische Versager. Die Mannschaft, über die zuvor alle mit unverhohlenem Stolz berichtet hatten, war plötzlich zum defizitären Kollektiv verkommen, in dem es vor Problemen nur so wimmelte. Keine Führungsspieler, keine Abwehr, keine Typen, zu viel Bayern, zu wenig Dortmund, zu nett, zu jung, zu satt, Podolski war schon immer schlecht, und wo war eigentlich Mario Gomez, wenn man ihn mal braucht?! So viel Unsachlichkeit bei einem profanen Fußballspiel!

Im August hielt ich dann die neue Ausgabe der von mir geschätzten „11 Freunde“ in den Händen. Dort wurde drei Vertretern der Ultra-Szene eine Plattform gegeben, und mit Blick auf die drei Jungs, die allesamt einen nicht unsympathischen Eindruck machten, las ich begierig das Interview. Was folgte, war die große Ernüchterung und eine weitere Beschleunigung meines Abwendens. Meine Hoffnung, dass Gewalt und das kindliche Beharren auf Pyrotechnik nur einem kleinen, uneinsichtigen Teil der Fanszene zuzuschreiben sei, erfüllte sich nicht. Auch die drei Befragten wiederholten das nervtötende Mantra „Pyrotechnik legalisieren“, als sei der Sinn und Zweck eines Stadionbesuchs das Abfackeln von Feuerwerk. Die Sehnsucht nach Bengalos werde ich wohl nie nachvollziehen können; die ganze Diskussion um Pyrotechnik ist für mich abstrus, unverständlich und nur noch langweilig.

Schlimmer war für mich jedoch die Bekenntnis zur Gewalt: „Weil Gewalt ein Teil von Ultra ist. […] Weil aber auch Gewalt immer zum Fußball gehörte. Wer etwas anderes behauptet, ist weltfremd oder er lügt.“ Natürlich gehört der Mund, der diese Worte sprach, zu einem Körper, der zu jung ist, um die Prä-Hooligan-Phase des Fußballs von seiner Erfindung im 19. Jahrhundert bis hinein in die 1970er Jahre miterlebt zu haben. Dennoch hätte er wissen können, dass der Nexus Gewalt und Fußball nicht gottgegeben ist, sondern von Idiotenhand geschaffen wurde. Schwerer wiegt jedoch die erzkonservative Einstellung – beim Fußball gab’s schon immer uffe Fresse, gibt auch weiter uffe Fresse. Da taucht noch nicht mal der gedankliche Ansatz auf, als Teil der Szene möglicherweise etwas an der gewalttätigen Tradition ändern zu können; nicht nur Teil des Problems, sondern auch Teil einer möglichen Lösung sein zu können. Komplettiert wurde meine kopfschüttelnde Abscheu durch die harmlosen Fragen des Interviewers, der sich durch die Aussagen der Protagonisten scheinbar keineswegs zum bohrenden Nachfragen herausgefordert sah. So viel Gedankenlosigkeit rund um einen profanen Sport!

Den vermeintlichen Schlusspunkt der Entwicklung setzte das Trauerspiel um Kevin Pezzoni in den letzten Wochen. Der Kölner Spieler löste (mehr oder minder freiwillig, da sind scheinbar noch nicht alle Fakten auf dem Tisch) seinen Vertrag beim 1. FC Köln auf, da er mehrfach massiv von Fans bedroht worden war. Dank YouTube, Domian und des Geltungsdrangs des Gründers der Facebook-Seite „Pezzoni & Co aufmischen“ kann sich jeder selbst ein Bild von der Sorte Mensch machen, die Teil dieser verbalen, teils virtuellen, teils leibhaftigen Hetzjagd war. Hier ist jedes meiner eigenen Worte zu schade, um weiter darauf einzugehen; der Dumme entlarvt sich immer selbst:

Gleichwohl lässt sich mein Würgereiz kaum unterdrücken – gerne zitiere ich hier noch einmal oben erwähntes Interview mit den Vertretern der Ultra-Szene: „Es wird immer per se daran gezweifelt, dass die Kurve sich selbst regulieren kann. Aber warum lässt man es nicht einmal auf einen Versuch ankommen?“ Allein die Frage zeugt von grenzenloser Naivität. Wer soll denn da wen regulieren? Der Dumme die Idioten? Der gewalttätige Vollpfosten die beschränkten Schläger?

Mir ist bewusst, dass es genug ernstzunehmende, vernünftige, ganz einfach nette Leute gibt, die Teil der Fußball-Fan-, ja gar der Ultraszene sind. Mir ist genauso bewusst, dass Zeitungen mitunter an Absatzzahlen und Publikumswirksamkeit denken müssen und daher manchmal den Pfad der Sachlichkeit verlassen. Mir ist bewusst, dass Fußball für Viele nicht nur ein profanes Spiel ist, sondern ein mit Emotion und Leidenschaft aufgeladener Lebensinhalt. Für mich ist er das aber nicht! Deswegen fühle ich mich zurzeit so unwohl wie ein Atheist in Jerusalem.

Was bleibt? Das innere Exil? Das Ende der Stadionwurst? Ein Ende, das ohnehin niemand mitbekommt?
Das hieße jedoch auch, den Dummen das Feld zu überlassen. Nein, ein Rückzug kommt nicht in Frage. Ich werde weiterhin schreiben, doch als Konsequenz den thematischen Zuschnitt des Blogs ändern und aufweichen. Ich habe keine Lust mehr, mich nur noch über Fußball auszulassen. Zukünftig werde ich auch über andere Themen schreiben, über Bücher, über Musik, über Alltägliches und Außergewöhnliches. Vielleicht steht am Ende des Prozesses eine Überarbeitung des fußballaffinen Designs, ein Umzug zu einer anderen URL, eine neue virtuelle Heimat…wer weiß. Und wenn jetzt jemand warnt, damit verschreckte ich nur meine Leser, dann kann ich gelassen zurückfragen: Welche Leser? Erfolglosigkeit macht frei!

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

7 Portionen Senf

Der Heiko  on September 13th, 2012

Gelesen und für sehr lesenswert befunden!

Ich vermute die meisten Kommentatoren scheitern einfach an den Berchnungen der Spam Sicherung. ;-)

Je suis le guide parce que je ne suis pas le guide.

Hennes  on September 13th, 2012

Ich danke für die Bewertung…muss allerdings zähneknirschend zugeben, dass mein Französisch zwar für den Titel nicht aber dieses “Je suis le guide…”-Gedöns ausreicht. Ich bin der Führer deswegen bin ich nicht der Führer? Häh? Das ist mir zu intellektuell ;-)

Lars  on September 13th, 2012

Hach Chrissi…

Was mich die letzten Zeilen Deines letzten Blogs doch glücklich stimmen. Sie nehmen mir ein wenig die Schamesröte aus dem Gesicht, die sich zuvor immer mehr aufbauschte. Zu sehr sah ich zumindest die ersten Zeilen wie auf mich maßgeschneidert…

Denn ich muss zugeben, dass meine Beteiligung am Kommentieren doch mehr als nachgelassen hat. Traurig eigentlich, vor allem weil ich jeden einzelnden Blog gelesen habe, zwar nicht täglich, aber doch sehr regelmäßig reinschaue. Dass stadion-wurst.com schon verschiedene langweilige Minute – auf der Arbeit, so wie jetzt… Zuhause… – versüßt hat, mir manch’ Lächeln auf die Lippen zauberte, weil ich mir den verschmitzt lächelnden Autor trotz gefühlten Jahren des nicht Sehens viel zu gut vorstellen konnte. Ein echt peinliches Gefühl gerade. Es tut mir persönlich leid.
Um so froher und gespannter bin ich über auf das neue Gesicht der Seite. Viele Themen? Toll! Um so besser. Ich verspreche Wiedergutmachung.

Meine Kommentare waren ohnehin meist fußballfern, daher, ich bin bereit.

Grüße,
Lars

Hennes  on September 14th, 2012

Ach Lars, wunderbar – einen besseren Anreiz, das ganze Ding hier fortzuführen, gibt es ja gar nicht!

Aber bitte weder Schamesröte noch peinliche Gefühle; der Artikel war nicht als Anklage gegen die Wenigen gedacht, die im Stillen mitlesen. Denn, hey, sie lesen, was will ich mehr? Ich selbst bin bestens vertraut mit der Keine-Zeit-keine-Lust-später-vielleicht-Fessel, die nicht selten meine Finger lähmt, wo ein aktives Einbringen vielleicht besser wäre. Dafür muss sich niemand entschuldigen!

paddy  on September 19th, 2012

“die im Stillen mitlesen”…so war es wohl! ich war nun auch über die letzten jahre ein stiller beobachter. was tun, gegen die Keine-Zeit-keine-Lust-später-vielleicht-Fessel? zumindest kann ich die sich ausbreitende enttäuschung sehr gut nachvollziehen. ich erinnere nur an meinen ausflug in die welt der musik…einen schlauen kommentar oder rat habe ich nicht. wenn du dich weiterhin wohl dabei fühlst sowie zeit und lust darauf hast – weitermachen!!! bei nächster gelegenheit überlegen wir dann mal, wie wir ordentlich traffic auf die seite bekommen. wo du nun tür und tor öffnest, sollte doch einiges möglich sein :-)

Trainer Baade  on September 22nd, 2012

Schöne Volte, schöne Konsequenz am Ende, wobei ich mich auf diese beziehe: Warum den Dummen das Feld überlassen?

Ansonsten hab ich natürlich nichts gegen eine Umwandlung zum Gemischtwarenladen und harre gespannt der Dinge, die kommen mögen.

Den Fußball aber, den dürfen “wir” (ich hoffe, ich darf das so sagen) eben wahrlich nicht den Dummen überlassen.

Hennes  on September 28th, 2012

Danke für die Stimmen und den Zuspruch. Das hebt die Motivation, die Stadionwurst nicht verkümmern zu lassen. Und wenn mich jetzt bald der Job mal aus seinem Schwitzkasten entlässt, weil mir Gevatter Urlaub zur Hilfe eilt, dann werden sich hoffentlich auch bald die Regale des Gemischtwarenladens füllen!

Gib Deinen Senf dazu!