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4:4 – Ein schwurbeliges Remis für die Ewigkeit

Nun werden sie wieder alle aus ihren Löchern kriechen, die fremd- und selbsternannten Experten und werden mosern und schimpfen. Die Effenbergs und Matthäusse werden wieder von fehlenden Führungsspielern faseln, die zum richtigen Zeitpunkt auch mal ein Zeichen gesetzt hätten. Die Hoeneße und Rummenigges werden wieder über die verwöhnten Prinzessinnen in kurzen Hosen und Stutzen schimpfen, die zwar auf dem Platz zaubern können, aber bei echter Gegenwehr direkt einknicken. Die Baslers und Breitners werden wieder „echte Typen“ fordern und damit in hingebungsvollem Narzissmus nur sich selbst vermissen. Und Viele, Viele werden wieder den Rumpelfußball vergangener Jahre heraufbeschwören; jene Form des holprigen Ballspiels, bei dem der Zuschauer 90 Minuten lang gequält wurde, am Ende aber – wie nicht nur Gary Lineker richtig erkannte – immer die Deutschen siegten.

Das 4:4-Unentschieden am gestrigen Abend war in der Tat zu außergewöhnlich, als dass die Gespenster aus der glorreichen Vergangenheit des deutschen Fußballs schweigen könnten. Während die deutsche Mannschaft in den ersten 60 Minuten brillierte wie selten zuvor, dabei mit traumhaften Kombinationen, aggressivem Pressing, Zweikampfstärke und gutem Stellungsspiel überzeugte, Schweden mit 4:0 überrannte, zeigte die darauffolgende halbe Stunde, welch kuriose Eigendynamik ein Spiel entwickeln kann, wenn man den Gegner nicht mehr ernst nimmt. Und nicht nur Lukas Podolski mag sich gefragt haben:


Eine Erklärung für das Geschehene gibt es nicht, zumindest nicht in einleuchtender, simpler Form, die ja meist mit eindeutiger Schuldzuweisung einhergeht. Mehmet Scholl, ebenfalls aus der Riege der Experten stammend, der sich dennoch wohltuend von den eingangs Genannten abhebt, da seine eigene Spielervergangenheit in seinem Urteil stets sehr viel präsenter ist als bei Hoeneß, Effenberg und Co, verdeutlichte in der Nachbetrachtung recht anschaulich, was in den letzten 30 Minuten von Berlin passiert sein mag. Nach dem 4:0 fühlten sich die Spieler zu sicher, Unkonzentriertheit, Schlendrian und ein Schuss Arroganz waren die Zutaten für eine überraschend teigige Masse aus Lethargie und Gleichgültigkeit, die Schweden ein unglaubliches Comeback ermöglichte. Beim Anschlusstreffer zum 4:1 ärgerten sich die Spieler hauptsächlich über die Tatsache, dass sie mal wieder nicht „zu null“ spielen würden. Der zweite Treffer nur wenige Minuten später ließ aufhorchen, ohne aber Beunruhigung zu verursachen. Das deutsche Team versuchte nun wieder, „den Schalter umzulegen“ (O-Ton Scholl), initiierte ein paar Angriffe,  Özil und Kroos schossen aufs Tor, doch die Beine waren schwer, der Kopf müde und plötzlich stand es 4:3. Das große Zittern begann, die Angst vor der Blamage setzte ein, und schließlich fiel dann doch noch der Ausgleich.

Was bedeutet dieses historische Ergebnis für die deutsche Nationalmannschaft? Für die WM-Qualifikation mag das Remis ärgerlich sein, da man die Gruppe nicht schon frühzeitig für sich entscheiden kann. Das bedeutet jedoch gleichzeitig, dass das deutsche Team bis zum Ende des Wettbewerbs konzentriert zur Sache wird gehen müssen, was ja angesichts des gestrigen Schlendrians nicht verkehrt ist –eine peinliche Niederlage gegen Kasachstan oder die Färöer lässt sich so vermutlich vermeiden.

Die Mannschaft selbst hat gestern in der ersten Stunde des Spiels gezeigt, zu welch faszinierendem und effektivem Hochgeschwindigkeitsfußball sie in der Lage ist. Da sollte man heute auch nicht den Fehler machen, Schweden zu einem „gnädig formuliert, drittklassigen Gegner“ (SZ) herabzustufen. Das ist ein überaus plumper Versuch, die Leistung der eigenen Mannschaft zu schmälern. Schließlich gelang es jenem drittklassigen Gegner auch, eine unbändige Aufholjagd zu initiieren.

Ob die letzte halbe Stunde als Ausdruck der Disharmonie innerhalb des Teams interpretiert werden kann, bleibt fraglich. Die von den Spielern (Schweinsteiger, Lahm) selbst ins Rollen gebrachte „Teamgeist-Diskussion“ lässt jedenfalls vermuten, dass es in der Mannschaft reichlich Konfliktpotential gibt. Wahrscheinlich strahlt die in der Liga aufgekommene Rivalität zwischen Dortmund und Bayern auch auf die Nationalelf ab, in der die beiden Vereinsblöcke auch zukünftig den Ton angeben dürften. Können sich die Dortmunder unterordnen, obwohl sie in den letzten zwei Jahren besser waren als ihre Teamkameraden aus München? Gelingt es Mario Götze oder Toni Kroos, den Nebendarsteller zu mimen, obwohl sie im Verein stets eine Hauptrolle bekleiden? Ist Mats Hummels bereit, Holger Badstuber als Abwehrchef zu akzeptieren?

Die erfolgreiche Entwicklung in den letzten Jahren bringt neue Herausforderungen mit sich. Die Zahl der hochveranlagten Spieler ist gewachsen, so dass inzwischen Härtefälle wie die eben genannten Götze und Kroos, aber auch Podolski oder Schürrle auf der Bank Platz nehmen müssen, die in fast jeder anderen Landesauswahl Stammspieler wären. Die Auftritte bei den letzten Turnieren haben die Erwartungen derart in die Höhe geschraubt, dass einzig der Titel beim nächsten Turnier als Ziel akzeptiert wird. Mit Auftritten wie gegen Irland oder in den ersten 60 Minuten gegen Schweden untermauert das Team von Jogi Löw diesen Anspruch der Öffentlichkeit, der aber auch längst zum eigenen Anspruch geworden ist.

Daher wird nun das Unentschieden gegen Schweden betrauert, als sei wieder einmal in einem Turnier-Halbfinale die letzte Klappe gefallen. Aus allen Löchern kriechen die Kritiker hervor und tadeln und murren, bekritteln und spötteln, so dass man meinen könnte, Erich Ribbeck himself stünde wieder an der Seitenlinie – elegant, überfordert und erfolglos wie eh und je. Landesweit wird auf einem hohen Niveau gestöhnt, als befinde man sich im kalifornischen Mekka der Porno-Industrie. Das schwurbelige 4:4-Unentschieden war zwar ebenso kurios wie unnötig, aber gleichzeitig doch auch Hinweis darauf, was die Mannschaft leisten kann, wenn sie sich konzentriert. Eine Stunde lang hat man Schweden, immerhin ein Stammgast bei Welt- und Europameisterschaften, gegen die Wand gespielt. Das gibt Anlass zu viel Optimismus. Aktuell muss sich die Nationalelf jedoch dem Spott der Kritiker ergeben. So ließ gestern Gary Lineker per Twitter wissen:

„Football is a simple game where 22 men kick a ball about for 90 minutes and at the end, the Germans lose a 4 goal lead.” (Welt, 17.10.2012)

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

6 Portionen Senf

Tom  on October 17th, 2012

Gute Zusammenfassung des Status Quo bei der Nationalmannschaft. Ich muss sagen, ich hab mich, wie wahrscheinlich viele andere auch, darüber gefreut, ein Quali-Spiel zu sehen, wie wir es seit x Jahren nicht mehr serviert bekommen haben. Denn spätestens nach dem 3:0 stand zu befürchten, dass der Rest des Spiels sich in unglaublicher Langeweile ergehen würde…

paddy  on October 18th, 2012

einen vorsprung von 4 toren darf man nicht hergeben. wir sprechen nicht von ein oder zwei toren, sondern von ganzen 4 toren! sehr wohl bin ich der meinung, dass das kritisch hinterfragt und aufgearbeitet werden muss. die mannschaft hat ihrem trainer damit naürlich einen bärendienst erwiesen…ich bin gespannt, wohin das noch führt…sehr selbstgefällig so mancher kritiker. zufällig bin ich über folgendes gestolpert: http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.deutschland-schweden-talkrunde-im-vereinsheim-waldis-az-club.aa9675df-3d9b-46b5-842d-e33ad8ce7127.html

Hennes  on October 18th, 2012

Ich muss sagen, ich teile beide Meinungen.

Einerseits habe ich mich, wie Paddy, auch darüber geärgert, dass ein derartiger Vorsprung verspielt wurde. War ja auch ein Pflichtspiel und kein Freundschaftskick, und irgendwie zählt am Ende dann doch ausschließlich der Sieg.

Aber genau da kommt Toms Meinung ins Spiel: Diese Ausschließlichkeit wurde durch dieses kuriose Match dann doch außer Kraft gesetzt. Ich wurde großartig unterhalten, und mir hat dieses Spiel einfach unglaublichen Spaß gemacht!

Vielleicht sollte man das Ganze als Kuriosität abhaken. So etwas kommt alle hundert Jahre mal vor, und letztlich hält sich der Schaden ja in Grenzen. Der Mannschaft könnte das eine Lehre sein, den Gevatter Leichtfuß in Zukunft im Bus zu lassen. Dann ist doch alles gut…

Hennes  on October 18th, 2012

Ein Kommentar sei noch gestattet: Die Schweden scheinen übrigens gerade eine kritiklose Form der Berichterstattung zu zelebrieren: Da wird die Mannschaft abgefeiert und in den Himmel gehoben…kein Wort davon, dass sie sich vorher 60 Minuten lang düpieren ließ. Seltsam, oder?

Lars  on October 22nd, 2012

Also bei mir überwog auch eindeutig der Unterhaltungsfaktor. Zwar war ich kurz ein wenig “betröppelt”, schnell habe ich das Ganze jedoch unter Kuriosität für mich persönlich abgelegt – wohlwissend, dass der Blick in x-beliebige Tageszeitung des folgenden Kalenderblattes wohl Niederschmetterndes zu Tage fördern wird.
Aber hey: Die Jungs spielen gut, sehr gut, vermutlich besser als je zuvor. Es wird gute und schlechte Spiele geben. Jogi ist für mich DER TRAINIER und irgendwann, vielleicht in zwei Jahren, vielleicht zu Zeiten meiner Rente, keine Ahnung, irgendwann werden wir halt wieder das Nötige Glück haben um ein Turnier zu gewinnen. Denn – sind wir doch mal ehrlich – es gehört im entscheidenden Moment immer eine Funke Glück dazu.
Gut genug sind wir, außer Frage – aus meiner Sicht.

4:4 gegen Schweden hin oder her….

Hennes  on October 25th, 2012

Yep, Du sprichst mir aus der Seele. Für mich ist Löw auch alternativlos, und auch ich bin optimistisch, dass mit ein bisschen Glück bald mal ein Titel naht.

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