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Ein Samstagabend im Alibi-Debattierclub

Am Samstag war Joachim Löw zu Gast im „aktuellen Sportstudio“. Nach seiner krankheitsbedingten Absage am Wochenende zuvor hatte er sich bei Kathrin Müller-Hohenstein eingefunden, um das kuriose 4:4-Unentschieden gegen Schweden noch einmal öffentlich Revue passieren zu lassen. Jenes Spiel hatte rund um den Globus für Aufregung gesorgt, hierzulande aber vornehmlich die Kritik am Bundestrainer wieder laut werden lassen, so dass es Löw angeraten schien, höchstselbst vor den Augen der Öffentlichkeit Stellung zu beziehen.

Er tat dies souverän, charmant und mit Witz. An manchen Stellen fehlte es ihm jedoch an argumentativer Stringenz, zu häufig ließ er Biss und eine angebrachte Portion Aggressivität vermissen. Ich hätte mir gewünscht, Löw hätte sich ein Beispiel am Präsidentschaftswahlkampf in den USA genommen und sich mit Hansi Flick und Oliver Bierhoff generalstabsmäßig auf die Begegnung mit KMH vorbereitet. Wie Obama oder Romney hätte er sich auf seine Mini-Debatte einstellen sollen, um mit prägnanten und stichhaltigen Argumenten die erwartbaren Fragen und Kritiken zu kontern.

Mit Kathrin Müller-Hohenstein hätte er leichtes Spiel gehabt. Sie redete wie immer dem Stammtischvolk nach dem Mund, unterfütterte ihre kritischen Anmerkungen mit der „Expertenmeinung“ Oliver Kahns, und fiel nur (unangenehm) auf, als sie die Erfolge der Nationalmannschaft in den letzten sechs Jahren auf geradezu unverschämte Art und Weise schmälerte: „Es gibt schon eine gewisse Diskrepanz zwischen Potenzial der Mannschaft und Erfolg“. Wer vier aufeinanderfolgende Halbfinalteilnahmen bei Welt- und Europameisterschaft als Misserfolg wertet, hat entweder wenig Ahnung von der qualitativen Dichte an der Spitze des Weltfußballs oder hat ein pervertiertes Anspruchsdenken.

Löw blieb jedoch (anders als ich vor dem Fernseher) stets besonnen, verschmitzt, aber für meinen Geschmack zu zahm und argumentativ unscharf. Denn viele der kritisch geführten Debatten rund um die Nationalelf lassen sich als Alibi-Debatten entlarven, wenn man sie genauer unter die Lupe nimmt. Nehmen wir exemplarisch die Führungsspieler-Debatte. Was ist dran am Mythos des fehlenden Leaders im Nationalteam?

 

Punkt 1

Die Debatte wird nur deshalb so gerne und ausschweifend geführt, weil sie personenbezogen abläuft. Anders als die abstrakte Diskussion um Taktik und Spielsystem, bei dem sich die Argumente häufig wie binomische Formeln anhören (4-3-2-1, 3-5-2, Doppelsechs, hängende Neun), strotzt der Führungsspieler-Diskurs vor Leben: „Der Effenberg hat mal dazwischengehauen!“ „Michael Ballack war einer, der vorangeht!“ „Seit Matthäus läuft die Nationalelf ohne Kopf herum!“

Dabei begegnen sich beim Tanz der Argumente Figuren aus der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft des deutschen Fußballs. Das ist interessant, das macht jedem Fußballfan Spaß, und da kann auch jener Stammtischexperte mitreden, der die Viererkette in der Schmuckschatulle seiner Gattin vermutet.

 

Punkt 2
Die Debatte ist alles andere als zielgerichtet und endet im luftleeren Raum. Selbst wenn man das Fehlen der Führungsspieler in der Nationalelf als erwiesen ansähe und daher zu Recht kritisierte, ließe sich an diesem Zustand wenig ändern. Was sollte der Bundestrainer denn machen angesichts der großen Leader-Flaute? Neben Zweikampfschulung und Ausdauertraining auch Lehrinhalte wie „Machtvolles Kommunizieren auf dem Fußballplatz“ und „Wie ich als Platzhirsch am lautesten röhre“ mit auf den Trainingsplan nehmen? Bastian Schweinsteiger durch gutes Zureden zum Führungsspieler ausbilden („Ach komm, Bastian, jetzt entwickel doch mal Charisma und Autorität…los, bemüh Dich!“)? Spieler wie Benny Lauth ins Nationalteam berufen, seines Zeichens anerkannter Führungsspieler beim TSV 1860 München („Jetzt haben wir drei Stürmer, vier Innenverteidiger und immerhin einen Führungsspieler im Kader…“)?

Ein Führungsspieler besticht gerade dadurch, dass er durch seine Persönlichkeit auf dem Platz wichtige Akzente setzt und den Ton angibt. Er ist nicht zwangsläufig der beste oder erfolgreichste Spieler in einem Team. Daher kann man einen Spieler nicht zum Leader ausbilden, sondern höchstens durch die Übertragung von mehr Verantwortung seitens des Trainers eine lange, schleichende Metamorphose vom Mitläufer zum Führungsspieler anstoßen – alles andere liegt beim Spieler selbst. Somit verpufft die Kritik, der Nationalelf fehle es an Führungsspielern, selbst bei entsprechender Berechtigung im luftleeren Raum.

 

Punkt 3
Die Behauptung, die flache Hierarchie in der Nationalmannschaft habe zum Verlust einer klaren Struktur geführt, ist absurd. Wer schon einmal in einer Mannschaft Sport betrieben hat, weiß sehr genau, dass sich bereits innerhalb einer einzelnen Partie eine interne Hierarchie in der Mannschaft ergibt. Die Spieler eines Teams haben ein Gespür dafür, wer mit dem Spielgerät gut umgehen kann, wer seine Mitspieler überlegt und strategisch einbindet, wer das Wort ergreift, wer vom Gegner gefürchtet wird. Je häufiger die gleichen Personen miteinander sportlich interagieren, desto fester wird die Struktur in einem Team.

Wer nun behauptet, dass diese intuitive Herangehensweise an den Mannschaftssport, die im Freizeitbereich wunderbar funktioniert, auf höchster Ebene in der Landesauswahl einfach so aussetzt, weil kein großspuriger Platzhirsch die Macht an sich reißt, ist naiv. Natürlich ordnen sich Neuankömmlinge wie Götze, Schürrle oder Bender arrivierten Kräften wie Mertesacker, Lahm oder Schweinsteiger unter. Das System der flachen Hierarchie ist demnach ebenso ein Etikettenschwindel wie die Erfindung des Führungsspielers – schließlich funktionierten Mannschaften wie Bayern München, Borussia Mönchengladbach oder der 1. FC Köln auch, wenn die Führungsspieler Matthäus, Effenberg oder Overath mal verletzungsbedingt auf dem Platz fehlten.

 

Punkt 4
Die Nationalelf ist vielmehr ein Konglomerat aus Führungsspielern. Sie ist das Sammelbecken für die nationalen Superhelden des Fußballs. Im Idealfall stellen die besten Spieler aus unterschiedlichen Teams die Mitglieder der Nationalelf. Da ist es doch einfach logisch, dass sich darunter auch viele Führungsspieler befinden. Oder glaubt jemand ernsthaft, dass Bastian Schweinsteiger, Manuel Neuer und Philipp Lahm bei Bayern, Marco Reus in der letzten Saison bei Gladbach, Mats Hummels bei Borussia Dortmund, Lukas Podolski in der letzten Saison beim 1. FC Köln oder Miroslav Klose bei Lazio Rom nur Mitläufer sind/waren? Daher müsste das Problem der Nationalelf eher darin bestehen, zu viele als zu wenige Führungsspieler auf den Rasen zu bringen.

 

Punkt 5
Die Debatte macht so viel Spaß (siehe Punkt 1), dass sie nie verschwindet. Erst neulich hörte ich im Gespräch über das 4:4 gegen Schweden von einem Bekannten den mir wohlbekannten Satz: „Da hat ein Michael Ballack gefehlt; mit ihm wäre das nicht passiert!“ Was meinem Gesprächspartner, der seine Meinung mit einer seit Ballacks Ausbootung wachsenden Zahl von Experten teilt, scheinbar entfallen war, ist die Tatsache, dass sich genau jener als Capitano gepriesener Führungsspieler Ballack lange Jahre mit derselben Debatte konfrontiert sah. Bei Bayern stellte man öffentlich in Abrede, Ballack sei mehr als ein torgefährlicher Mittelfeldspieler. Günter Netzer durfte als ARD-Experte vor einem Millionenpublikum mutmaßen, Ballack fehle es aufgrund seiner sozialistischen DDR-Vergangenheit an Führungsqualitäten. Und all jene, die jahrelang von „dem Unvollendeten“ faselten, weil Ballack nie einen großen internationalen Titel gewinnen konnten, behaupten plötzlich, mit Micha im Mittelfeld hätte es in Südafrika zum ganz großen Wurf gelangt.

Auch Joachim Löw sieht diese Ironie und ließ es sich am Samstag im Sportstudio nicht nehmen, auf die Hybris der Herren Effenberg und Kahn hinzuweisen, die beide stets als Führungsspieler galten, die beide stets den Führungsspieler fordern und die beide stets mit der Nationalelf verloren, wenn es um den so vehement geforderten Titel ging.

 

Betrachtet man also die Debatte um den Führungsspieler in der Nationalelf einmal näher und nimmt sich die angeführten Argumente detailliert zur Brust, dann stellt man rasch fest, dass da eine reine Alibi-Debatte im Gange ist. Das gilt übrigens für zahlreiche kritische Debatten rund um das Nationalteam. Sollen alle Spieler die Nationalhymne mitsingen? Verderben Tischtennisplatten den traditionellen Lagerkoller? Muss Löw in seiner Coachingzone rumhampeln, damit der Fernsehzuschauer auf dem Sofa wenigstens das beruhigende Gefühl hat, da müht sich jemand nach Kräften (auch wenn ihn die Spieler auf dem Feld gar nicht hören)? Viele Alibi-Debatten ohne Sinn und ohne Ziel – aber Spaß machen sie trotzdem!

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

4 Portionen Senf

Trainer Baade  on November 3rd, 2012

Gerne gelesen. Aber könnte der Text etwas weniger breit sein? 60 bis 70 Zeichen pro Zeile sind optimal.

Lars  on November 5th, 2012

Ebenso gerne gelesen, auch mit der Breite gut zurecht gekommen! ;)

Immer wieder faszinierend, wie leicht das Geschriebene daher kommt, auch wenn sicherlich viel, viel Arbeit dahin steckt. Habe mich auch heute wieder dabei ertappt, wie ich das Kinn auf beide Handballen abstütze, die Ellenbogen rechtwinklig angeordnet auf die Tischplatte ablegte und immer wieder ein leichtes Schmunzeln auf den Lippen durchblickte….
Vor allem vor dem Hintergrund, dass ich als neuer Spätstudierender anfange mich mit Hausarbeiten abzumühen, gerne würde ich mehr von dieser Seite zitieren. .. vielleicht mache ich’s auch!

Hennes  on November 6th, 2012

Danke für die netten Worte!
@Trainer: Ich werde mir in einer freien Minute mal anschauen, ob sich die geometrische Breite der Texte anpassen lässt, ohne die epische Breite zu schmälern ;-)
@Lars: Zitieren? Auf jeden Fall…die Texte sind ja sowas von wissenschaftlich, dass sich die Balken biegen ;-) Über Deinen neuen Status als Spätstudent würde ich gerne mehr hören…vielleicht hast Du ja Lust, mir mal eine Mail zu schreiben!

Lars  on November 11th, 2012

Gerne werden ich mich in Form einer Mail dazu äußern… Melde mich die Tage. Man hat ja nie Zeit als Student… :) Naja, in meinem Fall – berufsbegleitend – kommt das sogar hin…!

Grüße

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