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Von fliegenden Menschen und begeisternder Tragik

von Marius Thomann

La Dispute, Title Fight, Make Do And Mend, Into It. Over It

Köln, Bürgerhaus Stollwerck, 04.10.2012

Ausverkauft ist das Bürgerhaus Stollwerck vermutlich nicht an diesem Donnerstagabend. Zumindest legen das die überschüssigen Tickets nahe, die mir vor dem Eingang immer wieder mit fast schon bittender Stimme von anderen Besuchern angeboten werden. Aber meine Ohren dürfen versiegelt bleiben – zumindest bis zum Beginn der musikalischen Darbietung –, denn ich bin versorgt. Ja, wir haben krankheitsbedingt sogar selbst eine Karte über! Damit haben sich die Verhältnisse im Vergleich zum Januar dieses Jahres, als das junge Hardcore-Quintett aus Grand Rapids, Michigan, das Underground in Köln bespielte, seltsam entspannt. Allein der Geistesgegenwart eines Freundes und dem anstehenden Weihnachtsfest hatte ich es damals zu verdanken, mit normal gefülltem Geldbeutel und erwartungsvoller Gelassenheit den Weg zum Veranstaltungsort antreten zu können. Nun also eine gut besuchtes, aber nicht gedrängelt volles Stollwerck, das neben dem Gebäude 9 in Köln zu meinen liebsten Lokationen zählt und mir zuletzt Raum bot, den großartigen Motorpsycho bei der Live-Umsetzung von The Death Defying Unicorn beizuwohnen. Nicht mehr ganz so heiß entflammt wie noch vor einem knappen Jahr, sehe ich meinem zweiten Konzert von La Dispute mit kritischer Freude entgegen.

Den Einstieg besorgt Into It. Over It, bestehend aus Evan Weiss und – vermutlich – seiner akustischen Gitarre. Sofern sich das aus dem Foyer des Großen Saals im Stollwerck beurteilen lässt, liefert hier ein Songwriter solide Songwriter-Ware an der Schnittstelle zu Punk und Hardcore ab. Mit weiteren Auslassungen zu diesem Auftritt und dem verantwortlichen Künstler würde ich beiden unweigerlich großes Unrecht antun, denn, um es ganz offen zu sagen, der Herr hat mich nicht vor die Bühne locken können. Die nachträgliche Lektüre einer Kritik seiner 2011 erschienenen Platte Proper lässt mich nun zwar ein mittelgroßes Versäumnis befürchten, doch damit werde ich leben müssen und können.

Im Anschluss stehen Make Do And Mend auf dem Programm. Mir zuvor gänzlich unbekannt, aber warm empfohlen, schafft es dieses Quartett zumindest, meine Kniegelenke in leichtes Beugen und Strecken zu versetzen – für die Menschen um mich herum wohl nur über das ebenso leichte Wippen und Drehen meines Oberkörpers erkennbar. Denn es ist voller geworden, sowohl auf dem Parkett als auch der Empore. Druckvoll sind die Songs im Mid- bis Up-Tempo auf jeden Fall. Mir persönlich klingt allerdings die Stimme von James Carroll zu sehr nach amerikanischem Whiskey. Und überhaupt erinnert die Musik sehr an Hot Water Music, zu denen ich aus demselben Grund auch nicht so recht Zugang finde. Deutliche Abzüge gibt es leider in der B-Note: Da wird einfach zu oft und zu viel auf die Bühne gerotzt, mit zu großer Vehemenz die brüderliche Faust auf den breiten Brustkorb geschlagen. Unterhaltsames Kuriosum am Rande: die drei Stagediver, die in Windeseile von links nach rechts oder rechts nach links in geduckter Haltung über die Bühne huschen, um dann zwischen dem vermutlich unvorbereiteten Publikum zielstrebig gen Boden zu fallen.

Ned Russin, seines Zeichens Bassist und einer von zwei Sängern der danach spielenden Title Fight, folgt solchen Fans an den Bühnenrand, streckt sich ein wenig und wirft ihnen einen besorgten Blick hinterher. Alles in Ordnung? Gut gelandet? Prima, dann weiter im Text! Und er hat viel in dieser Sache zu tun, denn die Zahl der Springer und Surfer steigt um ein Vielfaches, während die vier aus Kingston, Pennsylvania, ihren Post-Hardcore mit Bleifuß durch die Boxen jagen. Leicht gebremst wird die Fürsorge des Musikers lediglich, als der wirbelnde Fuß eines Fans versehentlich an seinem Kinn landet. Die entschuldigende Geste des unglücklichen Angreifers, die von meiner Warte aus gut zu sehen ist, dürfte ihm leider entgangen sein. Auch bezüglich dieser Band bin ich bis zu diesem Abend ein gänzlich unbeschriebenes Blatt. Vielleicht wäre es nun an der Zeit, das zu ändern, denn Title Fight kommen mit wenig Testosteron und trotzdem einer großen Menge Wumms daher. Sehr erfrischend nach den vorherigen Make Do And Mend, die nun im Vergleich noch bolliger wirken! Mehr Skatepunk und Melody Core, um mal zwei engere Schubladen zu bemühen, und dafür die Hose etwas schlanker im Schritt – gefällt!

Doch dann kommen La Dispute und mit ihnen der auch rückblickend in voller Berechtigung als solcher zu bezeichnende Höhepunkt des Abends. Noch im Halbdunkel eröffnet The Most Beautiful Bitter Fruit das Set – der Song, durch den ich vor einem Jahr auf diese Band aufmerksam wurde. Und sofort ist sie wieder da, diese Faszination für Jordan Dreyers sprechenden Gesang, der in einer atem- und rastlos kontrollierten Hysterie die Beiträge seiner vier Gefährten vor sich her treibt und zugleich trägt. Überhaupt scheint dieser junge Mann all das bis in die Zehenspitzen verinnerlicht zu haben, was er und seine vier Mitstreiter im aussichtslosen Kampf gegen die Grausamkeiten der unmittelbar benachbarten Welt da über das begeisterte Publikum ausgießen. Während Make Do And Mend trotz der rhythmisch entrückten Bewegungen von Gitarrist Mike O’Toole in ihrer Pose recht statisch wirken und Title Fight angesichts der hohen Tempi ihrer Musik naturgemäß weitgehend auf die körperliche Betonung verzichten, sitzt bei La Dispute jeder Schritt ohne dabei einstudiert oder gar routiniert zu wirken. Hier spielen fünf Musiker das, was ihnen am Herzen liegt. Unangefochten im Mittelpunkt des Geschehens: Jordan Dreyer, immer wieder das Mikrofon den vorderen Reihen entgegenstreckend, ständig in Bewegung.

Die Songs werden an diesem Abend nahezu abwechselnd den 2008 und 2011 erscheinenen Platten Somewhere At the Bottom of the River Between Vega and Altair und Wildlife entnommen. Von letzterer ist hier vor allem das großartige St. Paul Missionary Baptist Church Blues zu nennen, das recht früh meinen persönlichen Höhepunkt markiert. Edit Your Hometown findet seinen Weg leider nur als Riff in den Soundcheck von Kevin Whittemore, wird aber würdig durch Safer in the Forest/Love Song for Poor Michigan vertreten. Vollkommen außer Konkurrenz läuft King Park, mit dem La Dispute nach einer Zugabe ihren Auftritt beschließen. Die vorher unter uns diskutierte Frage, ob sich ein derart eindringliches Stück Musik in all seiner entsetzlichen Tragik live umsetzen lässt, ob das überhaupt zu versuchen ist, findet damit nach etwa 80 Minuten eine positive Antwort.

Die leichte Skepsis, mit der ich den Abend begonnen hatte, ist ausgeräumt – wenigstens bis zum nächsten Konzert dieser Band. Zwei leichte Schönheitsfehler sind nämlich doch zu bemerken: eine Standtom, die zur rhythmischen Unterstützung das Intro eines mir unbekannten Songs begleitet, sowie der Moment, als sich Jordan Dreyer und Gitarrist Chad Sterenberg im Halbdunkel gegenüber stehen, ganz aufmerksam bei einander, und das erste Lied der Zugabe einleiten. Diese beiden Augenblicke wirken in ihrem Gestus seltsam indirekt und bilden die einzigen Ecken einer ansonsten im allerbesten Sinne als rund zu bezeichnenden Vorstellung.

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