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© wutzofant

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Die Sensation war zum Greifen nah: Am Mittwoch stand die deutsche Handball-Nationalmannschaft bei der diesjährigen Weltmeisterschaft kurz davor, den Turnierfavoriten und Gastgeber Spanien im Viertelfinale auszuschalten. Dass es letztlich mit der Sensation doch nicht klappte, lag an Kleinigkeiten:  an einer mangelnden Chancenauswertung, an unglücklichen Schiedsrichterentscheidungen, an unnötigen Zeitstrafen, an einem aufgepeitschten spanischen Publikum und an der Statistik. Denn wie schreibt die SZ am Mittwoch treffend:

„In diesem Jahrtausend ist nur einmal ein Ausrichterland vorzeitig auf der Strecke geblieben: Vor zehn Jahren wurde Portugal Zwölfter. Aber die Handballer aus dem Westen der iberischen Halbinsel sind international allenfalls drittklassig, der zwölfte Platz ist bis heute ihr bestes Abschneiden, sie haben sich danach nie mehr für eine WM qualifiziert.“

Der Gastgeber kann sich im Handball auf seinen Heimvorteil verlassen. Und im Fußball? Auch hier ist es längst kein Geheimnis mehr, dass der Luxus, die eigenen Landesgrenzen zur Teilnahme an einer Weltmeisterschaft nicht überqueren zu müssen, die Teams zu Höchstleistungen treibt. So überstanden bislang alle Gastgebermannschaften die erste Turnierphase und qualifizierten sich mindestens fürs Achtelfinale. Unrühmliche Ausnahme: Südafrika, das 2010 bereits in der Gruppenphase scheiterte. Selbst mittelmäßig begabte Mannschaften wie die Schweiz 1954 (Viertelfinale), Chile 1962 (WM-Dritter), USA 1994 (Achtelfinale) oder Japan (Achtelfinale) und Südkorea (WM-Vierter) 2002 ließen sich von der Welle der heimischen Begeisterung durchs Turnier tragen. Demnach gehört wenig Mut dazu, um Brasilien als Gastgeber und traditionell mit einer überdurchschnittlich begabten Mannschaft gesegnet, zum Turnierfavoriten für die Weltmeisterschaft 2014 zu küren.

Für deutsche Fußballfans heißt es daher: Tapfer sein! Denn hinzukommt, dass ein europäisches Land bislang noch nie bei einer in Südamerika ausgetragenen Weltmeisterschaft Turnierprimus geworden ist. Also Deckel drauf, ins Regal damit, die Sache ist klar? Brasilien ist Weltmeister, drücken wir die Vorlauftaste und springen direkt zur WM 2018? Nicht so voreilig! Der Seleção könnte nämlich die gestiegene Attraktivität der eigenen Liga zum Verhängnis werden. Mit der WM vor der Brust und einem stabilen Wirtschaftswachstum im Rücken sind heimische Clubs für brasilianische Fußballstars inzwischen wieder reizvoll geworden. Das große Geld lässt sich nicht mehr nur bei Vereinen der europäischen Spitzenklasse verdienen, sondern auch bei Santos, bei Corinthias oder bei Palmeiras, brasilianisch angenehmes Klima inklusive.

Exemplarisch für diesen Trend steht Brasiliens neuer Superstar Neymar. Der ebenso tanzbegabte wie ballgewandte Junge mit der schlechten Frisur wird schon seit Jahren von Real Madrid, Juventus Turin, Manchester United und Co mit astronomischen Nettogehältern gelockt, doch blieb er seiner Heimat bislang treu. Mit einem Wechsel ins Ausland rechnen Experten frühestens nach der WM 2014. Er trifft dabei in Spielen der komplizierten, da aus mehreren Regionalmeisterschaften bestehenden Liga, auf andere bekannte Größen des kickenden Gewerbes. Pato, Ronaldinho, Lúcio haben sich alle längst wieder in ihrem Heimatland niedergelassen, um dort ihrem Beruf nachzugehen.

Doch so sehr die neue Prosperität der eigenen Liga die Zuschauer in Brasilien erfreuen mag, so wenig dürfte es der nationalen Landesauswahl nützen. Während die Seleção jahrelang ein aus Legionären bestehendes Team war, in dem in der Heimat beschäftigte Nationalspieler als Exoten galten, dürfte sich das Verhältnis 2014 umkehren. Problematisch dabei ist jedoch, dass den Nationalspielern die direkte Wettbewerbshärte aus Championsleague und Europa League fehlen dürfte. Schließlich waren brasilianische Nationalspieler lange Jahre fester Bestandteil europäischer Spitzenteams und damit auch aus den wichtigsten Clubwettbewerben nicht wegzudenken. Dabei konnten sie sich fast im Wochentakt mit anderen Spitzen- und Nationalspielern anderer Nationen messen. Kaka, Ronaldo, Ronaldino und Kollegen konnten auch deshalb ihre einzigartige Stärke entfalten, weil sie im Verein höchsten Ansprüchen genügen mussten.

Dieser Faktor dürfte 2014 für die Nationalauswahl erstmals nicht mehr gelten. Man darf daher gespannt sein, wie sich der Dribbler Neymar verhält, wenn er auf einmal John Terry oder Gerard Piqué gegenübersteht, wenn er auf die Tore von Manuel Neuer oder Iker Casillas schießt oder wenn er von Nigel de Jong oder Moussa Sissoko im Mittelfeld attackiert wird. Gehörte einst die regelmäßige auf dem Rasen ausgetragene Konkurrenz mit den besten Kickern Europas zum Tagesgeschäft, dürfte die brasilianische Mannschaft in knapp 15 Monaten nicht genau wissen, wo sie im internationalen Vergleich steht. Demnach ist für Jogi Löw und seine Mannen doch noch nicht alles verloren – es sei denn, man trifft wieder auf Italien.

Während für die spanische Handballnationalmannschaft die Reise beim eigenen Heimturnier noch nicht beendet ist und sie dank der frenetischen Zuschauer Turniersieger werden kann, scheint man sich im Fußball ohnehin zukünftig umgewöhnen zu müssen. So hat die UEFA heute ihren Plan veröffentlicht, die Europameisterschaft 2020 in 13 Stadien in 13 Ländern austragen zu wollen. Damit dürfte sich der Mythos „Heimvorteil“ bald ganz erledigt haben.

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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