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In der Stille liegt die Kraft

©_Photo-K_Fotolia.com

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BUUUUH!

Na, überrascht?! Wer gedacht hatte, bei der Stadionwurst hätte längst die Totenstarre eingesetzt, zärtlich umweht vom Duft der Verwesung, der sieht sich hiermit getäuscht. Die Wurst lebt. Warum also das wochenlange Schweigen? Nein, nicht schon wieder eine Sinnkrise, die war gestern; vielmehr eine Schaffenskrise, schließlich blieb das Schaffen aus, auch wenn die dazugehörige Krise fehlte. Banal wie das Leben war auch der Grund für die andauernde Stille: Die Zeit fehlte an Ecken, an Enden und überall, war doch die Passivität hier der Aktivität dort geschuldet; wird man allerdings dort bezahlt, wo hier unbezahltes Vergnügen herrscht, bleibt manchmal keine Wahl, sondern nur noch stummes Schweigen.

Doch war ich in letzter Zeit nicht der Einzige, der sich in Schweigen hüllte. Tausende Fußballfans taten es mir gleich und schwiegen für 12 Minuten und 12 Sekunden zu Beginn einer jeden Bundesligapartie, seit das neue Sicherheitskonzept „Stadionerlebnis“ am 12.12.2012 verabschiedet wurde. Die sonst gröhlenden Kehlen blieben angesichts des mit großer Mehrheit verabschiedeten und insgesamt 16 Einzelpunkte umfassenden Sicherheitskonzepts aus Protest stumm – ein wohltuendes, weil angenehm leises Fanal, wo sonst Fangesänge von lustig bis dämlich, von unterstützend bis menschenverachtend ertönen, grelle Bengalos zischeln und Feuerwerkskörper aller Art um die Wette knallen.

In der Debatte rund um das Sicherheitskonzept hat der Fußball (und damit sind sämtliche Beteiligte von Funktionär bis Fan gemeint) mal wieder deutlich gemacht, mit welch arrogantem Gehabe er sich für einzigartig und außergewöhnlich in Deutschland hält. Für den Volkssport Nummer 1 zählen die Regeln von Politik und Gesellschaft nur bedingt.

Auf der einen Seite beschwerten sich die Vereinsoberen der 36 Profivereine bitterlich über die drohende Einmischung der Politik. Was auf den ersten Blick nach einem verständlichen Einwand klang, wird bei näherer Betrachtung zu einem an Arroganz kaum zu überbietenden Akt. Laut der Deutschen Polizeigewerkschaft stellt die Polizei pro Bundesligabegegnung durchschnittlich 200-300 Beamte zur Verfügung, bei Risikospielen verdoppelt sich der personelle Aufwand. Damit belaufen sich die Kosten pro Saison auf etwa 100 Millionen Euro, die allein der Staat und damit die Steuerzahler aufzubringen haben. Die Vereine beteiligen sich nicht an den Kosten, sondern halten vielmehr die Hand auf und kassieren für Eintrittsgelder und den Bier- und Würstchenverzehr der zahlenden Kundschaft. Wenn allerorten darüber debattiert wird, dass subventionierte Opernhäuser geschlossen werden sollen, Theater und Schwimmbäder ihren Betrieb einstellen müssen, da das Geld fehlt, dann möchte ich, dass sich die Politik als Volksvertretung sehr wohl einmischt, wenn das wochenendliche Fußballspektakel meine Steuergelder verschlingt. Ich habe keine Lust, das üppige Gehalt von Franck Ribéry zu finanzieren. Auf nichts anderes läuft es nämlich hinaus, wenn der FC Bayern München von der steuerlich abgedeckten Polizeipräsenz in dem Maße profitiert, dass er Zuschauereinnahmen generiert, sich gleichzeitig die Beteiligungskosten spart und schließlich damit seinem Superstar ein erkleckliches Salär ermöglicht.

Keine Frage, ebenso wie ich meine Steuern gerne für die Subventionierung von Kultureinrichtungen oder für den öffentlichen Nahverkehr bezahle, weil ich gerne mit dem Bus zur Opernpremiere fahre, bin ich als Fußballfan bereit, meinen indirekten Beitrag zur Aufrechterhaltung des Fußballbetriebes zu leisten. Dennoch verbitte ich mir das arrogante Gehabe der Vereine, die als Profiteure des Systems die Dreistigkeit besitzen, eine entscheidungspolitische Autarkie zu fordern, die völlig unangemessen ist. Beteiligt Euch an den Kosten, dann könnt Ihr Euch beschweren, so laut Ihr möchtet.

Auf der anderen Seite sitzen die Fans, die sich einem ganz ähnlichen Reflex hingeben. Das Sicherheitskonzept ist nur deshalb nötig, weil noch immer der weit verbreitete Irrtum vorherrscht, das Fußballstadion sei ein Ort frei von zivilisatorischen Regeln. Man stelle sich vor, im Publikum einer Lesung stünde eine Gruppe auf und skandierte, dass der vortragende Autor ein „Hurensohn“ sei. Man überlege sich, wie es wäre, wenn sich im Restaurant jemand eine Zigarette ansteckte, obwohl selbstredend Rauchverbot herrscht. Man führe sich vor Augen, welch Aufschrei es gäbe, zündete jemand in der Supermarktschlange ein Bengalo. Im Fußballstadion sind derlei Verhaltensweisen nicht nur kein Problem, sondern gehören zum allgemein akzeptierten Habitus.

Wen nimmt es da wunder, dass der Samen gewaltbereiten Handelns im großen Misthaufen des allgegenwärtigen unflätigen Benehmens auf fruchtbaren Boden fällt und prächtig gedeihen kann? Zumal sich der kleine gewaltbereite Teil der Fanschar seiner Rückzugsbasis in der anonymen Masse sicher sein kann – denn die Fanfamilie lässt selbst schwarze Schafe nicht fallen.

Den Gipfel der Dreistigkeit besteigen jedoch jene als Ultras titulierten selbsternannten Vertreter der Fanszene damit, dass sie sich über die durch ihr schlechtes Benehmen verursachten Konsequenzen beschweren, sich märtyergleich dem Protest hingeben und beispielsweise leere Fankurven mit Transparenten versehen, auf denen geschrieben steht: „Wollt Ihr das?“ Meine eindeutige Antwort lautet: JA!

Bleibt die Frage, ob die Fanproblematik in Deutschlands Stadien, die inzwischen bereits vielerorts als reine Medienhysterie verharmlost wird, durch das Sicherheitskonzept zu lösen ist. Auch dazu gebe ich eine eindeutige Antwort: NEIN! So lange die Vereine nicht bereit sind, die Fans nicht nur als zahlende, unterstützende und somit positive Gefolgschaft, sondern auch als ungeliebtes Anhängsel zu begreifen, mit dem man umgehen muss, wird sich wenig ändern. Mit den Fans ist es wie mit der Familie – man kann sie sich nicht aussuchen. Doch zu einem professionellen Umgang und einem angemessenen Problembewusstsein gehört auch die Bereitschaft, Arbeit, Energie und vor allem Geld einzusetzen. Angesichts von Fanmassen, die je nach Verein locker eine sechsstellige Zahl erreichen, ist es doch geradezu lachhaft, wenn Bundesligavereine gerade einmal einen oder zwei Fanbeauftragte beschäftigen. Finanziert Fanprojekte in ausreichendem Maß, stellt eine Armada von Sozialarbeitern und Fanbeauftragten ein, kümmert Euch um die Basis, gebt zehn Millionen und mehr pro Jahr aus – nur so bekommt Ihr Euren Anhang in den Griff. Während es für Bundesligisten inzwischen zum guten Ton gehört, zweistellige Millionensummen in die kickende Nachwuchsarbeit zu investieren, darbt die Fanarbeit als lästiges Übel dahin. Die DFL müsste die Vereine zwingen, deutlich mehr in die Arbeit mit ihren Anhängern zu investieren. Doch so lange die Vereine ihr eigenes Süppchen kochen, in ihrem abgeschlossenen Kreis Sicherheitskonzepte beschließen und sich keiner höherrangigen Instanz beugen, kann man lange darauf warten, dass sich etwas ändert. Selbstverpflichtung hat selten gewirkt.

Der Protest der Fans wird indes bald enden, so meine Prognose. Quengelnden Kindern gleich werden die Widerspenstigen das Handtuch werfen, sobald die Aufmerksamkeit fehlt. Schon bald werden die Medien das Thema im Archiv abheften und damit auch altbekannte Lärmereien am Beginn einer Partie zurückkehren. Vielleicht werden wir die Stille schon bald wieder vermissen…

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

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