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Macht uns keine Schande!

(c) kallejipp@photocase.de

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Die ruhmreiche Geschichte des deutschen Fußballs kennt nur wenige Augenblicke, die besser längst vergessen wären, stattdessen aber als Synonyme für beschämende Momentaufnahmen fest im kollektiven Gedächtnis verankert sind. Der Name “Jürgen Sparwasser” darf zwar dank der Wiedervereinigung wieder laut ausgesprochen werden, jagt aber dennoch manchem Fußballfan kalte Schauer über den Rücken. Bei “Córdoba” kommt dann noch der pure Angstschweiß dazu, lautet doch die Antwort deutscher Fußballfans auf die Frage nach jenem Ort in Argentinien seit Jahrzehnten reflexartig (und frei nach Asterix): “Córdoba? Ich kenne kein Córdoba! Ich weiß nicht, wo Córdoba liegt! Niemand weiß, wo Córdoba liegt!”

Schlimmer wird die Sache nur noch, wenn man mit “Gijón” die Atombombe der unheilvollen Synonyme fallen lässt. Anno 1982 trafen sich die BRD und Österreich zum viel beschriebenen Nichtangriffspakt, um sich mit einem knappen deutschen Sieg zu arrangieren und die in der WM-Gruppe drittplatzierten Algerier gemeinsam hinter sich zu lassen. Die “Schande von Gijón” ging nicht nur in die Fußballgeschichte ein, sondern war auch dafür verantwortlich, dass wir in dieser Woche die jeweils letzten Gruppenspiele der laufenden WM in der Konferenzschaltung anschauen müssen.

Selbstverständlich drängt es sich vor diesem Hintergrund und der aktuellen Konstellation in Gruppe G geradezu auf, eine Neuauflage von Gijón, quasi die “Schande von Recife” zu befürchten. USA und Deutschland, die die Gruppe vor Ghana und Portugal anführen, reicht ein Unentschieden (oder ein knapper Sieg der USA) im letzten Gruppenduell, um das Achtelfinale zu erreichen. Zu allem Überfluss stehen sich an der Seitenlinie mit Joachim Löw und Jürgen Klinsmann auch noch zwei alte Freunde und Weggefährten gegenüber, beide deutsch, beide Zeitzeugen des skandalösen Gijón-Kicks. Dennoch ist die Angst Ghanas und Portugals vor unlauterer Wettbewerbsverzerrung unbegründet: Deutschland wird die USA schlagen – wenn das Team aus der Begegnung Portugal gegen USA ein paar einfach Rückschlüsse zieht.

…und jetzt bitte pressen!
Die US-Amerikaner sind physisch unglaublich stark; sie laufen viel, sie laufen ausdauernd, und sie sind, wenigstens partiell, sehr schnell. Doch Ballhandling, Raffinesse und Passsicherheit zählen nicht zu ihren Stärken. Setzt man sie im Spielaufbau konsequent unter Druck, sind die Innenverteidiger und defensiven Mittelfeldspieler schnell überfordert – im besten Fall dreschen sie den Ball kopflos nach vorne, im schlimmsten Fall verlieren sie ihn an Ort und Stelle und ermöglichen so gefährliche Angriffe des Gegners. Portugal machte gestern Abend den Fehler, nach dem Führungstreffer nicht nachzusetzen, den Vorsprung zu verwalten statt auf das 2:0 zu drängen. Erst nach 75 Minuten und dem Rückstand setzten sie, dann bereits leidlich entkräftet, wieder zum Pressing an und konnten dadurch wieder einige gefährliche Szenen erzwingen.
Umgekehrt sah man von Beginn an ein bissiges Pressing der US-Amerikaner, das mit hoher Laufbereitschaft umgesetzt wurde. In diesem Fall bedarf es pass- und ballsicherer Verteiler im defensiven Mittelfeld und in der Innenverteidigung, um dem Druck der anlaufenden Amis auszuweichen. Die deutsche Mannschaft sollte mit Hummels, Kroos, Khedira und Lahm genügend Spieler dieser Bauart in ihren Reihen haben, um diesem Problem aus dem Weg zu gehen. Allerdings müssen Ballverluste in der Vorwärtsbewegung, wie sie insbesondere Philipp Lahm in den ersten beiden Gruppenspielen viel zu häufig unterliefen, unbedingt vermieden werden. Denn: Die Mannschaft von Jürgen Klinsmann schaltet wahnsinnig schnell um!

Zapping: Schnelles Umschalten von Abwehr auf Angriff
Während die US-Amerikaner beim gepflegten Spielaufbau ihre Probleme haben, sind sie als Kontermannschaft überaus gefährlich. Zwar ließen sich durch den frühen portugiesischen Führungstreffer gestern Abend mehr die Mängel im Spielaufbau als die zackigen Umschaltbewegungen beobachten, doch die sporadisch vorgeführten Konter brachten immer wieder Gefahr für das Tor von Beto. Die Zielstrebigkeit, mit der Jermaine Jones und noch mehr Michael Bradley die Bälle vertikal in die Spitze verteilten, war beeindruckend. Meist fanden sie auf der rechten Seite den schnellen und famos aufspielenden Fabian Johnson. Eine echte Waffe, selbst in der schwülen Hitze von Manaus, auf die Deutschland aufpassen muss!

Rechts vor links
Fabian Johnson kurbelte, manchmal im Wechsel mit Graham Zusi, auf der rechten Seite das US-amerikanische Spiel an. Mit schier unglaublichen Tempo stieß er ein ums andere Mal am rechten Flügel bis zur Grundlinie durch und passte, wenn auch meist ungenau, gefährlich in die Mitte oder in den Rücken der Abwehr. Nach Christian Atsu von Ghana sieht sich der ungelernte Rechtsverteidiger Höwedes also mit der nächsten Herausforderung konfrontiert, die ihn aufgrund mangelnder Schnelligkeit überfordern dürfte. Daher ist es dringend geraten, die rechte Seite im deutschen Spiel auch defensiv zu stärken. Ein Wechsel von Mario Götze zugunsten Lukas Podolskis käme durchaus in Betracht. Zwar war Prinz Poldi jahrelang nicht gerade für seine Abwehrarbeit bekannt, doch hat er sich seit seinem Wechsel zu Arsenal defensiv deutlich verbessert. Er geht deutlich robuster in die Zweikämpfe und kann Johnson auch aufgrund seiner eigenen Schnelligkeit besser Paroli bieten als Götze, der defensiv kaum auffällt. Doch ganz gleich wer vor Höwedes auf rechts spielen wird – ohne Unterstützung wird es für den Schalker extrem schwer, sich der amerikanischen Angriffe zu erwehren.

Spread your wings and fly
Interessanterweise vernachlässigte das US-Team am gestrigen Abend die Defensive auf den eigenen Flügeln und verdichtete dafür die Mitte. Das gab den Portugiesen viel Platz auf den Außenpositionen, die sie jedoch nur mangelhaft und erst durch die Flanke-Kopfball-Kombination in der Nachspielzeit zu nutzen wussten. Die Absicht hinter diesem bisweilen eigenartigen Defensivverhalten bleibt mir unklar; klar hingegen scheint die Möglichkeit für Deutschland durch, mit konsequentem Flügelspiel das Spiel in die Breite zu ziehen und gefährlich zu machen. Flanken auf Miro Klose könnten ab Minute 60 ein probates Mittel für den Torerfolg sein.

Bis zum Sechzehner und nicht weiter
Wie schon im ersten Abschnitt beschrieben fällt den US-Boys der Spielaufbau schwer. Lässt man sie, wie Portugal gestern über 70 Minuten hinweg, gewähren, dann kommen sie durchaus zügig und sehenswert vor den gegnerischen Sechzehnmeterraum. Doch dann lassen sie Kreativität und Raffinesse vermissen. Zahlreiche Weitschüsse zeugen von Einfallslosigkeit und Harmlosigkeit vor dem gegnerischen Tor. Sie können sich nicht darauf verlassen, dass Jermaine Jones, wie gestern geschehen, den Ball perfekt aus der Ferne trifft und ins Netz jagt. Wenn Deutschland gut in der Abwehr steht und lediglich diese Fernschüsse zulässt, dann sollte Manuel Neuer ein dankbares Spiel als Torhüter bevorstehen, in dem er zeigen kann, warum er als Welttorwart deutlich mehr Qualität zu bieten hat als Tim Howard auf der anderen Seite.

Beim Barte des Torwarts
Vor gar nicht allzu langer Zeit stufte Jürgen Klinsmann seinen Torhüter Tim Howard als einen der fünf besten Torhüter der Welt ein. Gestern ließ sich beobachten, dass Jürgen Klinsmanns Welt verdammt klein sein muss. Zwar konnte Howard gleich zweimal mit spektakulären Paraden glänzen; allerdings ging beiden Aktionen jeweils ein eigener Fehler voraus, der ihn erst in Bedrängnis brachte. Beim 1:0 durch Nani lag er schneller auf dem Boden als seinerzeit die Gegner von Mike Tyson und ließ Nani keine andere Wahl, als den Ball unter die Latte zu hämmern. Er unterlief eine Flanke, dreschte Abschläge ins Aus und lieferte insgesamt eine extrem unsichere Partie ab.

“Die Schande von Recife” – nicht auszuschließen, dass die amerikanischen Zeitungen am Freitag diesen Titel verwenden werden. Allerdings wird sich diese Überschrift nicht auf einen zuvor erlebten Nichtangriffspakt beziehen, sondern auf die deutliche Niederlage der USA gegen Deutschland. Vor der Qualität der US-Amerikaner muss die deutsche Mannschaft nicht zittern; sie sollte angesichts der fast sicheren Achtelfinalqualifikation befreit auf- und Jürgen Klinsmanns Truppe an die Wand spielen können!

Stadion-Wurst - Das Fußball-Blog

2 Portionen Senf

Lars  on March 7th, 2015

Mensch, da habe ich doch glatt ein halbes Jahr lang versäumt, Neuigkeiten auf dieser schönen Seite aufzuschnappen. Dabei war ich doch einer derer, die das Ruhen des Wurstblogs anprangerten. Schön, dass es weiter geht, auch ich gelobe Besserung!

FC Bayern Tickets  on May 28th, 2015

Geht es hier echt weiter? Habe seit Juni 2014 keine neuen Beitrag mehr gesehen…

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